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CASPER: Der Druck steigt - Tour 2011

16. Dez. 2011
Dieses Album ist beides, das Selbstportrait eines Künstlers, der tatsächlich etwas zu sagen hat und das Manifest einer Generation, die irgendwo zwischen Reizüberflutung, Scheinfreiheit und Selbstverwirklichungsdruck nach Halt sucht. Man muss froh sein, wenn unter den gegenwärtigen deutschen Künstlern jemand eine dieser beiden Übungen meistert. Casper muss man zu seiner sich selbst und seine Lebensrealität spiegelnden Sprache einfach nur noch gratulieren.

Es ist Casper zu gratulieren. Aus verschiedenen Gründen.

Das Album ist nur wenige Sekunden alt, wenn es sich zum ersten Mal mit beinahe unerträglicher Spannung auflädt und es nach kurzem Herunterzählen durch die Statusmeldung »Der Druck steigt« hindurch bricht wie ein hoffnungslos überlasteter Staudamm. Die erste Klimax (von einigen, die noch kommen werden) also bereits nach wenigen Sekunden, welches Album kann das schon von sich behaupten? Gratulation dazu. Es steckt aber noch so viel mehr in diesen wenigen einleitenden Worten. Gewiss, der Druck auf Casper selbst wird beachtlich gewesen sein, das gibt er auf die Frage nach der Besonderheit dieser Albumaufnahmen freimütig zu. Es war ein Arbeitszyklus ohne festen Plan, eine sich selbst schreibende Geschichte. Welcher Autor wäre abgebrüht genug, deren Verlebendigung vor sich passieren zu lassen ohne die Angst vor dem Ende? Casper, der sich immer nur von seiner inneren Stimme hat leiten lassen, der Stimme, vor der sämtliche Stimmen von außen nur kleinlaut ausfallen konnten, wollte mit »XOXO« nicht weniger als sein frühes Opus Magnum aufnehmen und - dafür ist ihm mehr als zu allem anderen zu gratulieren - es ist ihm gelungen.

Der viel größere Druck lastet allerdings auf Deutschrap insgesamt. Man darf den aufbrandenden Einstieg des Albums also gern auch als präzise Zustandsdiagnose dieses Genres verstehen. Des Genres, das gewiss deutliche Spuren in der DNA von »XOXO« hinterlassen hat, dessen eigene Vitalfunktionen aber mehr als Besorgnis erregend sind. Deutschsprachiger HipHop wartet seit Jahren auf den Künstler, der aus der sich sich selbst zu Tode langweilenden Reproduktionstretmühle, die Deutschrap geworden ist, heraus tritt. Casper wiederum tritt nicht aus ihr heraus, er sprengt sie. Einen solchen alles neu ordnenden Kraftakt hat es hierzulande lange nicht gegeben. Auch hierfür: Gratulation.
Die Sprengkraft von »XOXO« erwächst nicht aus einer vordergründigen oder formalen Radikalität. An diesen Mustern hat sich Casper in seinem früheren musikalischen Leben ausreichend abgearbeitet. Mittlerweile ist er weit genug zu wissen, dass nichts so viel Kraft freisetzt, wie zielsicher einen Nerv zu treffen. Es gelingt ihm scheinbar mühelos, unmittelbar Privates in großes Storytelling zu übersetzen und dabei gleichzeitig eine spür-, aber kaum greifbare kollektive Gemütslage einzufangen.

c a s p e r xoxo
Es ist eine Sprache, die keine Angst vor den großen Themen hat, die Sinnsuche anspricht, Liebe, wie sich Liebe ins Gegenteil verkehrt, das Erwachsenwerden, Leben. Es ist auch eine Sprache, die für die großen Themen die passenden Bilder findet. Die nicht abgegriffenen und vor allem diejenigen, die den Platz zwischen den Zeilen so effektiv ausfüllen, dass die Wirkung des Gesagten enorm ist, die des Nichtgesagten aber geradezu explosiv. Es gibt derzeit keinen feinfühliger, leidenschaftlicher, keinen brillanter schreibenden und performenden Rapper in Deutschland. Keinen, der Nietzsche zitieren kann, ohne als Besserwisser rüberzukommen. Keinen, der das Inhaltliche auf einen neuen Level hebt und dabei noch all den formalen Flow- und Reimstandards mehr als gerecht wird. Und es gibt kein anderes Album, das seine Sprache so kongenial im Sound weiter führt. Das, was sich hier abspielt, sind schon lange keine Beats mehr, es sind Kompositionen, mitunter sogar orchestrale Arrangements und fein gezeichnete Soundfresken. Es steckt hörbar viel Studioarbeit in diesen Aufnahmen. Man könnte dagegen wetten, dass es möglich sein wird, auch nach dem hundertsten Hören noch neue Details aus diesen Texturen herauszuhören. Aber man sollte es besser lassen, denn am Ende gewinnt immer dieses Album. Hier materialisiert sich auf spektakuläre Weise, was Casper eigentlich immer ausgemacht hat: die Genre- Überschreitung, die stilistische Ausdehnung, ohne dabei überambitioniertes Muckertum zu riskieren. Und auch der Bandbetrieb, der in den letzten Monaten bereits auf der Bühne zum Laufen kam. Hier wird durch Postrock hindurch gecuttet, hier wird an einer Stelle Zeitgeist gesamplet und an der nächsten neuer Zeitgeist definiert, hier wird in Harmonien geschwelgt und in Piano-Arrangements ein junges, brennendes und niemals peinlich berührendes Pathos eingerahmt. Hier passiert all das, was lange gefehlt hat. In jeder Hinsicht. Gratulation reicht tatsächlich nicht.

Man muss Casper für »XOXO« auf Knien danken.

Details zur Spielstätte:
Orpheumgasse 8, A-8020 Graz

Veranstaltungsvorschau: CASPER: Der Druck steigt - Tour 2011 - Orpheum Graz

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