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Leipzig feiert ein Universalgenie

Die Musikwelt feiert den 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit Aufführungen der Lieblingswerke und Resonanzen zeitgenössischer Komponisten auf Mendelssohn sowie mit einem Symposium versprechen die Mendelssohn-Festtage am Gewandhaus zu Leipzig ein Höhepunkt des Jubiläumsjahrs zu werden: Über Mendelssohns Wirken in Leipzig und die besondere Beziehung zwischen dem Gewandhausorchester und seinem bedeutenden Kapellmeister sprach Barbara Maria Zollner mit dem Gewandhaus-Direktor Professor Andreas Schulz.
Augustusplatz 8, D-04008 Leipzig

Leipzig, die traditionsreiche Handels- und Messestadt, gilt als Boomtown des deutschen Ostens, und wer aus dem Bahnhof tritt, hinein ins Getümmel von Passanten und zahllosen Straßenbahnen, spürt: Da liegt etwas Lebendiges, Unternehmungslustiges in der Luft. Die zahlreichen historischen Bauten in der Innenstadt sind schön renoviert, von Weitem ragen das mdr-Hochhaus, Warenhäuser und Bürogebäude aus Glas und Stahl, dazwischen DDR-Moderne und vereinzelt bröckelnde Fassaden. Und immer wieder Kirchen, die Nikolaikirche, in der 1989 die friedliche Revolution ihren Ausgang nahm, und die Thomaskirche. Die Plätze sind belebt, und wie das Stadtbild, so wirken auch die Menschen: zielstrebig, aber unverkrampft. Und überdurchschnittlich kulturinteressiert, weiß Gewandhaus-Direktor Andreas Schulz: Leipzig hat nur eine halbe Million Einwohner, verfügt aber über das kulturelle Angebot einer 1,5- bis 1,8-Millionen-Stadt; allein das Gewandhausorchester hat mehr als 12000 Abonnenten. „Die Identifikation der Leipziger mit ihrem Orchester ist sehr groß, viele Abonnenten halten ihm über Jahrzehnte die Treue, und manche folgen ihm sogar auf Tourneen“, erzählt Schulz.
Bürgersinn für die Kultur Leipzig, die Bach-Stadt, ist eine der bedeutenden Musikstädte in Deutschland, und die besondere Verwurzelung des Gewandhausorchesters in der Stadt ist historisch gewachsen: Es waren Leipziger Kaufleute, die 1743 16 Musiker angestellt haben, damit sie im umgebauten Ausstellungsspeicher eines Lagerhauses der Tuchmacher Konzerte aufführten (daher die Bezeichnung Gewandhaus). Durchaus in Konkurrenz zum höfisch geprägten Dresden, wuchs aus dem Bürgersinn und -stolz der reichen Kaufmannschaft ein kulturelles Engagement, das neben dem Gewandhausorchester auch das Bildermuseum hervorbrachte und, etwa 100 Jahre später, den fast vollständig privat finanzierten Bau eines eigenen Konzertgebäudes, das nun offiziell den Namen „Gewandhaus“ erhielt. Der Gewandhaus-Kapellmeister Felix Mendelssohn Bartholdy war als Spross einer hoch gebildeten Kaufmannsfamilie (Großvater Moses Mendelssohn war ein bedeutender Philosoph der europäischen Aufklärung) selbst ein würdiger Repräsentant dieses politisch emanzipierten und kulturell prägenden Bürgertums – wenn auch nicht Leipziger, sondern in Hamburg geboren und in Berlin aufgewachsen und ausgebildet.

Mendelssohns Nachfolger
„Großen Respekt“ habe er empfunden, sagt Andreas Schulz, als man ihm das Amt des Gewandhaus-Direktors antrug, „Respekt vor der Tradition dieses Orchesters ebenso wie vor der Reihe beeindruckender Persönlichkeiten, die es geprägt haben“. Zu ihnen zählt auch Felix Mendelssohn Bartholdy, der die fruchtbarste Zeit seines Lebens, von 1835 bis zu seinem frühen Tod 1847, als Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig wirkte. Seit elf Jahren leitet der ausgebildete Kirchenmusiker und Kulturmanager Andreas Schulz die Geschicke des Gewandhauses, zunächst an der Seite des gefeierten Bruckner-Interpreten Herbert Blomstedt, der als Ehrendirigent regelmäßig ans Pult des Gewandhausorchesters zurückkehrt. Sein Vorgänger, Kurt Masur, hatte das Orchester und die Institution ein Vierteljahrhundert geführt; auch die Errichtung des Neuen Gewandhauses – des einzigen modernen Konzerthausneubaus der DDR – fiel in seine Zeit. Im Rahmen der Mendelssohn-Festtage wird Kurt Masur die Aufführung des Oratoriums Elias leiten. Heute ist Riccardo Chailly Gewandhaus-Kapellmeister und damit Nachfolger Mendelssohns; er hat den Einsatz für das Werk des Komponisten, um dessen Wiederentdeckung sich schon Kurt Masur und Herbert Blomstedt bemühten, noch intensiviert: Das reiche Œuvre, das der vielseitig begabte und rastlos tätige Felix Mendelssohn Bartholdy in seinem kurzen, an Intensität Mozart durchaus vergleichbaren Leben geschaffen hatte, wurde über lange Zeit kaum – und wenn, dann nur sehr selektiv – rezipiert.

Von Leipzig aus in die Welt
Über die Gründe wurde und wird vielfältig spekuliert: Antisemitismus im 19. Jahrhundert – man denke nur an Wagners abschätzige Äußerungen – spielt ebenso eine Rolle wie die Diffamierung durch den Nationalsozialismus; doch auch Mendelssohns zwischen Klassik und Romantik oszillierendes Schaffen selbst, das sich nicht so einfach einordnen lässt, mag dazu beigetragen haben. Unserer Zeit, die dem Extremen und Vorwärtsweisenden zugetan ist und das Brüchige, Formsprengende dem scheinbar Ausbalancierten, formal Vollkommenen vorzieht, mag Mendelssohns sich zum klassischen Formenkanon bekennende und sich zugleich darüber hinaussehnende Tonsprache erst einmal nicht radikal genug erscheinen – bis einer tiefer schürfenden Aufführung alles darin Ge- und Verborgene zu zeigen gelingt. Als leidenschaftlicher Anwalt und Botschafter Mendelssohns nimmt Riccardo Chailly mindestens ein Werk mit auf jede seiner internationalen Tourneen mit dem Gewandhausorchester, und das vierwöchige Geburtstagsfestival im Spätsommer bietet ein außerordentliches Spektrum von Werken verschiedenster Genres: Sinfonik, Chorsinfonik, Kammermusik mit Aufführungen unbekannter Lieder und, natürlich, Lieder ohne Worte. Den Oratorienaufführungen gilt in Leipzig eine besondere Verpflichtung – nicht nur, weil der Elias, zweifellos ein Hauptwerk, in den Leipziger Jahren entstand: Als einziges Konzert- (und Opern-)Orchester weltweit steht das Gewandhausorchester seit 1789 auch im Kirchendienst. Als Orchester der Thomaskirche verfügt es über eine ununterbrochene musikalische Tradition, seit Bach dort als Kantor wirkte. Andreas Schulz, als Pastorensohn mit Bach aufgewachsen und als langjähriger Chorsänger mit Bachs wie Mendelssohns oratorischem Schaffen innig vertraut, weist auf die besonderen dramatischen Qualitäten von Mendelssohns Oratorien hin.

Impulse aus der Tradition
Das Wort „Tradition“ wird großgeschrieben am Gewandhaus – aber durchaus im Mahler’schen Sinn als Weitergabe des Feuers, nicht als Anbetung der Asche. „Die Frage ist doch, wie man mit Tradition umgeht“, meint Andreas Schulz. „Mache ich konservierende Programme, die nur das Alte abbilden, oder ergründe ich, welche Impulse die ‚Alten‘ ihrer Zeit gegeben haben? Und gerade Mendelssohn steht ja wie kaum ein anderer für neue Impulse.“ So bestand der frisch gebackene Kapellmeister bei seiner Berufung nach Leipzig darauf, nicht nur bei Aufführungen von Chorwerken, sondern stets als musikalisch Verantwortlicher Weisungsrecht auszuüben; anfänglicher Widerstand verstummte rasch, da sich die Aufführungsqualität in der Folge bald deutlich verbesserte. Als zeitweiliger Reformator des preußischen Musiklebens und Organisator des Rheinischen Musikfests war Mendelssohn auch Vorläufer eines heutigen Kulturmanagers. Zugleich setzte sich Mendelssohn zu seiner Zeit intensiv mit Tradition auseinander: In Berlin hatte er die erste Wiederaufführung der Matthäus-Passion nach Bachs Tod durchgesetzt und wiederholte sie in Leipzig. Außer Bach führte er auch Händel und andere Tonsetzer des Barock auf, was damals ganz unüblich war, und veranstaltete ab 1838 sogenannte historische Konzerte, weil er die Beschäftigung mit Musik der Vergangenheit als förderlich für das Musikverständnis des Publikums ansah.

Blick zurück und Blick nach vorn
Daran knüpft Andreas Schulz heute wieder an und stellt pro Saison zwei, drei Konzertprogramme aus der Zeit des ersten Gewandhauses erneut zur Diskussion – ein Abenteuer, denn natürlich haben sich die Wahrnehmungsperspektive, die Aufführungsgepflogenheiten und damit auch der „Geschmack“ seither verändert: Gilt unserer Zeit die vollständige Aufführung eines Werks mit allen Sätzen, in möglichst historisch-kritisch gesicherter Gestalt, als Grundgesetz, kombinierte man im 19. Jahrhundert viel unbekümmerter einzelne Sätze aus verschiedensten Werken in zuweilen verblüffend abwechslungsreichen und teilweise sehr langen Konzerten. Andererseits verfolgte Mendelssohn das Musikschaffen seiner Zeitgenossen und führte zahlreiche neue Kompositionen, etwa von Robert Schumann, auf. Auch diesem Impuls folgen Schulz und das Gewandhausorchester: Uraufführungen und Erstaufführungen sind regelmäßige Bestandteile jeder Konzertsaison; im Jubiläumsjahr konnten – auch dank der Unterstützung der Ernst-von-Siemens-Stiftung, die Kompositionsaufträge finanziert – drei Aufträge vergeben werden: Detlev Glanert, Georg Friedrich Haas und Sir Peter Maxwell Davies reagieren in ihren Kompositionen auf die Musik Mendelssohn Bartholdys; die Werke werden jeweils mit einem Mendelssohn-Opus in entsprechender Besetzung aufgeführt. „In der Tradition steckt ein Schatz von Ideen; wenn es gelingt, sie kreativ umzusetzen, kann man Interessantes und Neues anbieten“, fasst Andreas Schulz seine Haltung zur Tradition zusammen.

Ausblick
„Mendelssohn war ein Universalgenie, wie man es selten findet – als Musiker, Komponist und Dirigent ebenso wie als bildender Künstler und Literat. Es ist ihm so vieles gelungen – nicht nur als Begründer des modernen Dirigententums; er hat sich ja um alles gekümmert, um den Pensionsfonds für die Musiker ebenso wie um die Gründung des ersten Konservatoriums, der heutigen Leipziger Musikhochschule. Wenn man dann noch bedenkt, wie die Möglichkeiten damals waren – kein Telefon, keine E-Mails, sondern Pferdepost und Reisen in der Kutsche –, ist das eine außerordentliche Leistung.“ Die Festtage in Leipzig werden dazu beitragen, Felix Mendelssohn Bartholdy in seiner Vielseitigkeit besser kennenzulernen und zu würdigen. Auf welches Konzert während der Festtage freut sich Andreas Schulz am meisten? „Der Gewandhaus-Direktor“, antwortet er lächelnd, „freut sich auf alle gleichermaßen, ich persönlich besonders auf Elias. Ich werde jedes Wort in Gedanken mitsingen.“

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