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ExtraSchicht im Landschaftspark Duisburg-Nord Foto: Ruhr Tourismus/Jochen Schlutius Erweiterungsbau MKM Museum Küppersmühle für moderne Kunst Foto/Grafik: Herzog & de Meuron NachtSchacht Zeichen auf Zeche Zollverein, Essen!Sing – Day of song Foto: Ruhr Tourismus/Jochen Schlutius

Halbzeit bei der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010

Nachdem mit den Schachtzeichen, dem „!Sing – Day of song“ oder der ExtraSchicht die ersten Kulturhauptstadt-Highlights bereits Zigtausende Menschen begeisterten, zieht die Metropole Ruhr noch einmal alle Register: Am 18. Juli 2010 erlebt die Welt nie Dagewesenes: Still-LEBEN Ruhrschnellweg holt die unterschiedlichsten Alltagskulturen auf die Straße.

Von Dortmund bis Duisburg wird die A40 auf 60 Kilometern für Fußgänger und Fahrradfahrer geöffnet. Mit über 20000 Tischen wird die Hauptverkehrsader der Metropole Ruhr zur längsten Tafel der Welt.
Kunstliebhaber kommen im Museum Folkwang in Essen auf ihre Kosten. Bilder einer Metropole – Die Impressionisten in Paris heißt die Sonderausstellung, die dort vom 2. Oktober 2010 bis 30. Januar 2011 präsentiert wird. Gezeigt werden Meisterwerke der berühmtesten Impressionisten, wie Manet, Pissaro, Monet oder Degas, sowie ihrer Zeitgenossen Caillebotte, Luce oder De Nittis. Fotografien aus dieser Zeit ermöglichen zudem einen anderen Blick auf die erste Metropole der Moderne.
Gleich zwei Sonderausstellungen erwarten die Besucher vom 26. September 2010 bis 16. Februar 2011 im neu eröffneten Ruhr Museum in der Kohlenwäsche des UNESCO-Welterbes Zollverein: Die Neuveröffentlichung der Fotoreportage von Heinrich Hauser Das schwarze Revier gibt die Eindrücke wieder, die dieser 1928 bei einer Autoreise durch das Ruhrgebiet sammelte. Der damals 27-Jährige, der im selben Jahr den Gerhart-Hauptmann-Literaturpreis für seinen zweiten Roman erhielt, erschuf mit dieser klassischen Bilddokumentation eines der frühen fotografischen Meisterwerke über die einstige Industrieregion. In den gleichen Entstehungszeitraum fällt auch die zweite Sonderausstellung, die große Retrospektive Alles wieder anders. Fotografien aus der Zeit des Strukturwandels, die parallel zu Hausers Reportage gezeigt wird. Vor der gewohnt nüchternen Sachlichkeit der ehemaligen Kohlenwäsche entwickeln diese Bilder eine besonders intensive Aussagekraft.
Doch nicht nur in den Gerippen der Industrieanlagen haben Kunst und Kultur Einzug gehalten. Die Region selbst inszeniert sich als Ausstellungsraum.
So zum Beispiel verfügt der Essener Baldeneysee bis Ende September diesen Jahres über eine Kunstinstallation der besonderen Art: sechs künstliche Inseln, die größte von ihnen misst 300 Quadratmeter, bilden das Ruhratoll, das sich auf mehrschichtige Weise mit den Themenpaaren Kunst–Wissenschaft sowie Energie–Ökologie auseinandersetzt. Besucher haben die Möglichkeit, sich den Objekten mit Booten zu nähern. Drei der Inseln sind begehbar und können aus nächster Nähe erkundet werden. So werden die Besucher der Kunstwerke Teil derselben.
Einen weiteren Akzent setzt das Projekt EMSCHERKUNST.2010. Bis 5. September beherbergt die Emscherinsel zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal acht Ausstellungsräume, die sowohl Werken von Künstlern internationalen Renommees als auch ersten künstlerischen Gehversuchen von Studenten der Kunstakademie Münster eine Plattform verschaffen. Insgesamt haben 40 Künstler allein und in Gruppen 20 unterschiedliche Projekte realisiert.
Auf der „Wilden Insel“ findet sich ab Ende Juli beispielsweise das Monument for a forgotten future – eine originalgetreue Kopie einer Bergformation bei Los Angeles. Aus dem Fels erklingt der „Song for the Emscher“, ein Lied der schottischen Rockgruppe Mogwai, das bis Projektende ausschließlich dort zu hören sein wird.
Die Emscherkunst bringt nicht nur Berge zum Singen, sondern auch Häuser zum Laufen: Das Walking House ist eine weitere ungewöhnliche Projektidee. Mithilfe von sechs Teleskopbeinen bewegt sich ein modulares Wohnsystem inklusive kleiner Küche, Bad und bis zu vier Bewohnern in Schrittgeschwindigkeit voran. Ökologischen Aspekten trägt das Walking House durch eine Komposttoilette und einen Holzbrandofen ebenso Rechnung wie durch einen Regenwassersammler und ein Solarsystem, mit dem das Wasser erhitzt werden kann. So wie das Walking House laden viele der Emscherkunst-Werke nicht nur zum Betrachten, sondern zum Mitmachen und Mitgestalten ein.
Die Kulturhauptstadt Europas RUHR. 2010 hat also auch im zweiten Halbjahr noch jede Menge zu bieten.
Und nach 2010 ist alles vorbei?
Sicherlich nicht. Die Region hat sich den Titel der Kulturhauptstadt Europas nicht zuletzt durch ihr kontinuierliches Bemühen um Kunst und Kultur verdient und wird dieses auch im Anschluss weiterführen. Bestes Beispiel für diese Kontinuität ist die ExtraSchicht, die den Gedanken der Kulturhauptstadt bereits seit 2001 lebt und in diesem Jahr als „Sommerfest der Kulturhauptstadt“ ihr zehnjähriges Bestehen feierte. Natürlich wird es auch im Jahr 2011 wieder eine „Nacht der Industriekultur“ geben, zu der sich ehemalige Industriestandorte herausputzen. Licht- und Klanginstallationen verzaubern die Nachtschwärmer ebenso wie hochkarätige Darbietungen nationaler und internationaler Künstler. Einen weiteren Reiz erhält die Veranstaltung durch Sonderausstellungen und die Öffnung sonst unzugänglicher Orte für das ExtraSchicht-Publikum.
Kunst und Kultur erobern 2011 auch baulich neue Räume: Nachdem das Dortmunder U bereits 2010 auf 80000 Quadratmetern das neue Kreativquartier der Metropole Ruhr eröffnet hat, dürfen wir auf zwei weitere imposante Neuerungen gespannt sein:
Das MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst präsentiert wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und mit der Sammlung Ströher eine der umfangreichsten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst. Derzeit entsteht ein Erweiterungsbau mit rund 2000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Als ebenso radikale wie einfache Lösung wird ein leicht und transluzent wirkender Kubus als Erweiterung auf das Silogebäude der Küppersmühle aufgesetzt. Der monumentale Baukörper „schwebt“ in 36 Meter Höhe teilweise frei über dem Boden.
Ein weiteres Projekt wird im Nordsternpark Gelsenkirchen realisiert: Der denkmalgeschützte Förderturm 2 der ehemaligen Zeche Nordstern wird ertüchtigt, neu bespielt, um vier neue, gläserne Etagen aufgestockt und erhält eine Besucherterrasse. Eine 18 Meter hohe Herkulesskulptur von Markus Lüpertz krönt den Bau, in dessen bestehenden Ebenen 5 bis 11 ab Herbst 2010 das „Nordstern VideoKunstZentrum – Sammlung Goetz/neuer. berliner.kunstverein.“ eine erste Wechselausstellung präsentiert.
Es bleibt also spannend in der Metropole Ruhr.

Informationen
www.ruhr-tourismus.de

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