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Mahler-Szenen

„Mahlers Musik verändert den Herzschlag“, erklärt Markus Hinterhäuser, Konzertchef und Intendant der Salzburger Festspiele. Die „Mahler-Szenen“, mit denen Markus Hinterhäuser ebenso wie mit der Reihe „Der Fünfte Kontinent“ seine erfolgreiche musikalische Festspieldramaturgie weiterführt, ermöglicht den Zuhörern, diese Erfahrung selbst zu machen.
Herbert-von-Karajan-Platz 11, A-5010 Salzburg

Wie kein anderer Komponist verbindet Mahler den alten europäischen Musikkosmos mit einem Kaleidoskop fragmentierten Welterlebens; an der Nahtstelle zwischen Romantik und Moderne, in der Klassik verwurzelt, in Kontrapunktik und Polyfonie auf Bach zurückgreifend und zugleich weit vorausweisend, spiegelt Mahlers Werk die Verwerfungen seiner Zeit und antizipiert Entwicklungen des späteren 20. Jahrhunderts. Von Anfang an war die Person Mahlers in ihren vielen Rollen – als Stardirigent und Verfechter des Gesamtkunstwerks Oper, als Jude tschechischer Herkunft und Direktor der Wiener Hofoper, als Neuerer des Musikbetriebs und als Komponist – Auslöser politischer Anfeindungen und ideologischer Debatten, Gegenstand heftiger Ablehnung wie leidenschaftlicher Verehrung. 100 Jahre nach seinem Tod können wir uns Mahlers Musik vielleicht unbefangener nähern als zuvor; die Salzburger Festspiele bieten besondere Möglichkeiten zu solcher Annäherung.

Festspiele erlauben Zuhörern wie Künstlern eine besondere Konzentration – abseits des Alltäglichen, außerhalb des Repertoirealltags: In einem überschaubaren zeitlichen Kontinuum von einigen Tagen oder auch wenigen Wochen können Komponisten und Werke miteinander in Dialog treten, kontrastierend oder kommentierend werden Bezüge vernehmbar und erschließen sich Zusammenhänge. Solche Vertiefung der Hörerfahrung und Erweiterung des Erlebnishorizonts ist es, auf die das diesjährige Festspielmotto von Luigi Nono zielt: „Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken“. Und so stehen statt einer im Jubiläumsjahr durchaus denkbaren Aufführung der mahlerschen Symphonien in en­zyk­lopädischer Vollständigkeit in neun „Szenen“ mit Bedacht ausgewählte Kompositionen Mahlers auf dem Programm, teilweise in ungewöhnlichen Fassungen und kombiniert mit Werken anderer Komponisten, auf die sich Mahler bezog oder die von ihm beeinflusst wurden.

Die in Gattung und Besetzung ganz unterschiedlichen Konzerte spüren Mahlers Bezugspunkten in der Musikgeschichte – etwa Schubert und Mozart – nach, insbesondere aber seiner zukunftsweisenden Ausstrahlung und seiner Bedeutung für die Wiener Schule und die Moderne insgesamt. Als Komponist wie als Hofoperndirektor war Mahler für Arnold Schönberg und dessen Schüler Vorbild und prominenter Unterstützer; diese wiederum zeigten sich als begeisterte Anhänger zu einer Zeit, als Mahlers Werke noch kaum vorurteilslose Aufnahme und wenig Verständnis fanden. Das erste Konzert am 27. Juli stellt Mahlers 4. Symphonie in einer Fassung des Schönberg-Schülers Erwin Stein (1885–1958) für Kammerensemble und Sopran (Christiane Karg) vor, kombiniert mit Walzern von Johann Strauß in Bearbeitungen von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern. Die in den Sommern 1899 und 1900 in Toblach komponierte Vierte zählt, zusammen mit der Zweiten und dem Lied von der Erde, zu den beliebtesten Werken Mahlers (Aufführung am 3. August: 2. Symphonie; Wiener Singverein, Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela unter Gustavo Dudamel mit Miah Persson, Sopran, und Anna Larsson, Alt).

Das zweite Konzert der „Mahler-Szenen“ (28. und 31. Juli 2011) kombiniert Alban Bergs „Lulu-Suite“ und seine Konzertarie „Der Wein“ von 1929 mit Mahlers „Klagendem Lied“. Als Vorlagen für den von Mahler selbst verfassten Text kommen ein Gedicht von Martin Greif, die gleichnamige Geschichte aus der Märchensammlung von Ludwig Bechstein und ein Märchen der Gebrüder Grimm infrage; stofflich zeigt sich hier schon Mahlers Affinität zum poetisch gestalteten Volkston, die später in die Wunderhorn-Lieder mündet. Mahler bezeichnete das 1880 fertiggestellte Werk selbst als „mein opus I“ und knüpfte daran vergebliche Hoffnungen auf den Beet­hoven-Kompositionspreis. 1888 strich er den ersten Teil des dreiteiligen „Märchens“ und überarbeitete die beiden anderen Teile 1898; die Uraufführung erfolgte 1901 in Wien. Diese Fassung wird in Salzburg aufgeführt; Solisten sind Anna Prohaska, Dorothea Röschmann, Elisabeth Kulman und Johan Botha; Pierre Boulez dirigiert die Wiener Philharmoniker.

Am 14. August kommen unter der Leitung von Cornelius Meister Alban Bergs Violinkonzert Dem Andenken eines Engels und die 1. Symphonie E-Dur des 1884 jung verstorbenen Komponisten Hans Rott zur Aufführung, mit dem Mahler befreundet war. Der 1858 geborene Rott galt als begabtester Schüler Bruckners; mehrere Jahre bewarb er sich – wie Mahler vergeblich – um den Beethoven-Kompositionspreis. Eine ablehnende Äußerung Brahms’ über die Symphonie Rotts soll zum Ausbruch von dessen Geisteskrankheit beigetragen haben; der Komponist starb mit 26 Jahren in einer Heilanstalt.

„Der Mache nach ist jedes der mahlerschen Lieder ein Phänomen“, schrieb um 1904 der Musikkritiker Ernst Décsey. Das Liedschaffen Mahlers steht im Zentrum des dritten und fünften Konzerts. 1884 komponierte Mahler als ersten Zyklus die Lieder eines fahrenden Gesellen; ab 1887 beschäftigte er sich mit der Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn. Einige der Wunderhorn-Lieder wie auch der Lieder aus letzter Zeit (1899–1903) erklingen im dritten Konzert am 29. Juli 2011, kombiniert mit Liedern von Dmitri Schostakowitsch, der sich immer wieder auf Mahler berufen hat: Ein Jahr vor seinem Tod komponierte Schostakowitsch die Suite nach Gedichten von Michelangelo op. 145, aus der mit Matthias Goerne einer der profiliertesten Liedinterpreten seiner Generation vorträgt; Goernes Partner am Klavier ist Leif Ove Andsnes.

Mahlers wegweisende Wirkung auf nachfolgende Komponistengenerationen stand auch Pate für das Programm am 12. ­August 2011: Neben Mahlers „Adagietto“ aus der 5. Symphonie und Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 595 erklingen die 1948 ent­standene 4. Symphonie von Karl Ama-
deus Hartmann und Charles Ives’ The Unanswered Question.

Im Konzert am 4. August singt Christopher Maltman Soldatenlieder wie „Der Schildwache Nachtlied“, „Wo die schönen Trompeten blasen“, „Der Tambourg’sell“ oder „Zu Straßburg auf der Schanz“ (mit András Schiff, Klavier). Militärmusik nimmt in Mahlers Musik eine besondere Stellung ein: Als Kind schon spielte Mahler auf der Ziehharmonika Märsche nach; an seiner musikalischen Verarbeitung der akustischen Versatzstücke seiner Epoche stießen sich die Zeitgenossen; für die Nachgeborenen werden die Eigenheit und Modernität von Mahlers Komponieren daran besonders fassbar. In seinem Klaviermelodram auf Rilkes Text „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ setzt sich der eine Generation jüngere Viktor Ullmann auf seine Weise mit dem Thema auseinander (Sprecher: Bruno Ganz); außerdem erklingt ein – Mahlers Andenken gewidmeter – Satz aus der Klaviersonate Nr. 1 op. 10 des 1898 geborenen, 1944 in Auschwitz ermordeten Schönberg-Schülers. Wie Mahler gewann auch Leoš Janáček musikalische Anregungen und Motive aus den Klängen seiner Umwelt – aus dem tschechischen Sprachklang wie aus der Volksmusik. In seiner Klaviersonate Z Ulice (Von der Straße) von 1905 verewigt er Straßenkämpfe mährischer Arbeiter gegen die habsburgische Ordnungsmacht.

Neben den Symphonien mit ihren gewaltigen Orchester- und auch Vokalbesetzungen tritt Mahlers kammermusikalisches Werk oft zurück. Ein Fragment gebliebenes Klavierquartett in a-Moll kommt am 8. August 2011 zur Aufführung – kombiniert mit dem Klavierquartett op. 13 von Richard Strauss, mit dem Mahler ein kollegiales Verhältnis verband: So setzte sich Strauss immer wieder für Aufführungen von Mahlers Werken ein und arrangierte etwa die Uraufführung der 3. Symphonie; Mahler wiederum brachte Strauss’ frühe Oper Feuersnot 1902 an der Wiener Hofoper heraus. Ein Klavierquartett von Alfred Schnittke aus dem Jahr 1988 zeigt ein Beispiel für die Weiterführung der Gattung ins späte 20. Jahrhundert.

Nicht in der bekannten Version mit Orchester, sondern in Mahlers eigener Klavierfassung erklingt am 6. August Das Lied von der Erde, das der Musikhistoriker Hellmut Kühn als „Torbogen zum Spätwerk“ bezeichnet. Zurückgekehrt aus Amerika und gesundheitlich angeschlagen, arbeitete Mahler 1908 in seinem neuen Feriendomizil in Alt-Schluderbach im Pustertal an dieser Komposition, die nach Auffassung von Arnold Schönberg von allen Werken Mahlers „am weitesten in die Zukunft ragt“. In Salzburg bringen es jetzt Piotr Beczala, Christian Gerhaher und And­rás Schiff zur Aufführung.

Text: Barbara Maria Zollner

Informationen

www.salzburgerfestspiele.at/konzert/mahler-szenen-2011



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