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Ein Mann für den Sonntag

Der „Sonntag des Theaters“ sollen die Salzburger Festspiele sein, wünscht sich der neue Schauspieldirektor, Sven-Eric Bechtolf. Auch ohne theoretischen Überbau spannt der vielseitige Theatermann – Schauspieler, ­Regisseur, Autor – einen großen Bogen und gibt sich dabei sympathisch bescheiden.

Herbert-von-Karajan-Platz 11, A-5010 Salzburg

Als seine Berufung zum Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele bekannt wurde, spielte er gerade Richard II. am Thalia Theater in Hamburg, wo er einst, vor vielen Jahren, bei Jürgen Flimm engagiert war. Als Wunschkandidat von Festspiel­intendant Alexander Pereira geriet Sven-Eric Bechtolf in manchen Feuilletons prompt unter den Anfangsverdacht des Konservativismus. Doch was besagt das schon? Am besten, man versteht Zuordnungen dieser Art, diese rituellen Scharmützel zwischen ästhetischen Lagern, als Ausdruck leidenschaftlicher Anteilnahme am Theater … Der Richard II. jedenfalls, den Sven-Eric Bechtolf als Monodrama ­eines Menschen spielte, der den Zusammenbruch der Weltordnung an sich erfährt, war keine Shakespeare-Arbeit aus dem Theatermuseum, sondern das Wagnis eines herausragenden Schauspielers mit ­einer blutjungen Regisseurin, Cornelia Reimer. Dass der erfahrene Darsteller, dessen Lieblingsregisseurin Andrea Breth heißt und der selbst einen beachtlichen Ruf als Regisseur erworben hat, sich sehr wohl auf neue Regisseure und Theatersprachen einlässt, kündet von einer Of-fenheit, die man auch in seinen Salzbur-ger Plänen entdecken kann. „Die Selbstverwirklichung des Schauspielers im Monolog ist eine scheußliche, hätte Thomas Bernhard gesagt“, lautete Bechtolfs (selbst)ironischer Kommentar zur Zusammenarbeit mit Reimer, und Gerhard Stadelmaier von der FAZ befand: „Dieser eine Mann ist hier ein ganzes, großes Theater.“

Bechtolf hat die Regisseurin nach Salzburg eingeladen – und einige andere, von denen man noch nichts gehört hat, eben-so wie Stars des deutschsprachigen Theaters. Die erste von zehn Prämissen, an denen er seine Direktionstätigkeit ausrichtet, lautet „künstlerische Qualität“. Für ihn bedeutet das, „die besten Leute zu holen, und das müssen nicht immer die besten bekannten Leute sein, sondern die, an die man glaubt“.

Anstelle einer scharfkantigen, philosophisch unterfütterten oder medienkritisch überbauten Programmatik, wie sie zum Neuanfang einer Ära gern zur Freude von Dramaturgen und Kritikern verkündet wird, hat sich Bechtolf für konkrete Kriterien entschieden, die er in seinen Planungen erfüllen will. Statt den Intellektuellen herauszukehren – „Leider, ich bin zu blöde, aber Wünschelrutengänger bin ich freilich auch keiner“, sagte er einmal in einem Interview mit dem Standard –, propagiert er das Nebeneinander und Gegeneinander verschiedener Theaterauffassungen und Möglichkeiten. Wenn denn von einer Pola­rität der Auffassungen die Rede sein soll, dann geht es um Vielfalt gegenüber einem Mainstream, den er wahrnimmt: Unzureichend motivierte Verlegung von Handlung in gefällige zeitgenössische Räume, dekorative Popsongs, Stereotypen wie Schillers Moor-Brüder im Pullunder wären allfällige Regiezutaten. Demgegenüber setzt Bechtolf auf Polyfonie, er will das Theater vielgestaltig und widersprüchlich.

So inszenieren mit Andrea Breth – mit der Bechtolf eine intensive und von großen Erfolgen gekrönte Zusammenarbeit verbindet – und mit Irina Brook zwei völlig verschiedenartige Regisseurinnen die beiden großen Schauspielklassiker (Prämisse Nummer 2), Kleists „Prinz von Homburg” und Ibsens „Peer Gynt”, mit einer internationalen Schauspielertruppe sowie, als Gastspiel, „La Tempête”. Mit der Uraufführung von „Meine Bienen. Eine Schneise” von Händl Klaus bringt Bechtolf nicht nur das Werk eines jungen österreichischen Autors auf die Salzburger Bühne (Prämisse Nummer 3), sondern auch eine „Kreation“ – ­eine spartenübergreifende, neuartige Thea­terschöpfung (Nummer 4), die Schauspiel und Musik (das Ensemble Franui) verschmilzt. Zwei Arbeiten der französisch-österreichischen Regisseurin, Choreografin und Künstlern Gisèle Vienne sind Grenzüberschreitungen zwischen Theater und bildender Kunst; sie sind im Rahmen des Young Directors’ Project (ebenfalls ein Eckstein der Dramaturgie) zu sehen, das weitergeführt wird und in diesem Jahr ­außerdem die südafrikanische Regisseurin Princess Rose Zinzi Mhlongo vorstellt.

Die Öffnung für internationales Theatergeschehen liegt Sven-Eric Bechtolf am Herzen (eine weitere Prämisse), und so erweitert Salzburg als eines den wichtigsten europäischen Festivals seinen (und unseren) Horizont. Zusammen mit dem Schweizer Musikkollektiv Schi-lunsch-naven erarbeitet Cornelia Rainers Theater Montagnes Russes eine dialektgetränkte musikalische Produktion über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, dem Georg Büchner ein Denkmal setzte und dessen „Komödie“ die Ausgangsbasis für die Oper „Die Soldaten” von Bernd Alois Zimmermann bildet, die gleichfalls bei den Festspielen zu erleben ist.

Der Brückenschlag zwischen den Sparten ist eine weitere Prämisse von Bechtolfs Arbeit: keine Überraschung, schließlich inszeniert der vielseitige Schauspieler, Regisseur und Autor seit mehr als zehn Jahren Opern, darunter 2006 an der Wiener Staatsoper Wagners Opus magnum, „Der Ring des Nibelungen”. Bechtolfs einzige Regiearbeit bei den diesjährigen Festspielen gilt denn auch der Oper – oder doch fast, denn das Projekt ist gleichfalls ein Grenzgang, sogar eine „Kreation“: „Ariadne auf Naxos” von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss wird in ihrer Urfassung, das heißt kombiniert mit dem Schauspiel „Der Bürger als Edelmann” nach Molière und mit (teilweise nie gespielten) Ballettmusiken und Zwischenspielen gegeben, für die Bechtolf die Aufführungsfassung selbst erarbeitet. Behutsam und voller Res­pekt, darf man annehmen, denn Sven-Eric Bechtolf hält nicht viel davon, Stü-cke als Steinbruch zu benutzen, sondern glaubt an die Autonomie des Autors – und des Schauspielers als Autor einer Figur. Bei der Vergabe von Stückaufträgen freut er sich schon darauf, wie Autoren und Regisseure um diese Autonomie ringen werden.

Das Nachdenken übers Theater gehört selbstverständlich zu Bechtolfs künstlerischer Persönlichkeit, auch wenn er wenig Wesens darum macht; in seinem „Rheingold”-Buch reflektiert er den Betrieb, und bei den Festspielen gibt er nun einem Genre Raum, das mehr als andere die Reflexion über das Theater zum Gegenstand des Theaters macht: das Figurentheater (man denke nur an Kleists Marionettentheater-Aufsatz). Die Übereinkunft von Spielern und Zu­schauern hinsichtlich einer Wirklichkeit, das Spiel mit Illusion und Desillusion, auf dem für Bechtolf die Tiefenwirkung des Theaters beruht, das die Verlässlichkeit von Wirklichkeit infrage stellt – all dies wird im Figurentheater besonders sinnfällig. Die Nürnberger Truppe Thalias Kompagnons zeigt Raimunds „Der Bauer als Millionär” und Kafkas „Schloss”. Theater zum Verlieben bringt eine englische Theatertruppe mit der Regisseurin Sue Buckmaster. Ohne Worte, aber mit Puppen, Tanz, Musik und viel Spiellust begeistert das Stück „Mojo” Kinder ab fünf und Erwachsene.

Schauspieler, Regisseur, manchmal Autor, jetzt noch Schauspieldirektor: Den Wechsel zwischen den Aufgaben sieht Sven-Eric Bechtolf positiv – die Arbeit des Opern­regisseurs umfasse viel mehr handwerk­liche Anforderungen, da die Musik die Struktur gibt, im Schauspiel hingegen „müssen wir gemeinsam die Musik erst erfinden“. Auch als Schauspieler, der er – wohldosiert – weiterhin bleiben möchte, erlebt er „die permanente Verunsicherung“, die der herausfordernde Wechsel der Positionen bedeutet, als produktiv. Doch den Schauspieler Bechtolf, den zweifachen Nestroy-Preisträger, Träger des Albin-Skoda-Rings und Guten Gsell/Tod im „Jedermann”, wird man bei den Salzburger Festspielen vorerst nicht erleben, die Bühne betritt er lediglich als Rezitator in ­einem Brahms- und einem Mahler-Liederabend. In jedem Fall aber darf man gespannt sein auf seine Sonntage des Theaters.

Text: Barbara Maria Zollner

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