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Haupteingang der Weltausstellung, 1873 (Ausschnitt), Fotografie © Wien MuseumJosef Langl, Wien zur Zeit der Weltausstellung, 1873, Ölgemälde © Wien MuseumBau des Industriepalasts, 1872, Fotografie © Wien MuseumAnsichtskarte WIG 64, 1964 © Wien MuseumOtto Wagner Hofpavillon Hietzing, Foto: Wolfgang ThalerOtto Wagner Hofpavillon Hietzing, Foto: Wolfgang Thaler

Von der Ringstraßenzeit bis zu Otto Wagner

Wien um 1870 steht im Mittelpunkt einer Großausstellung im Wien Museum. Des Weiteren auf dem Programm: die Wiener Internationale Gartenschau 1964. Und ganz neu renoviert: der Hofpavillon von Otto Wagner.
Karlsplatz, A-1040 Wien

Nach der Großausstellung Kampf um die Stadt zu Politik, Kunst und Alltag um 1930 zeigt das Wien Museum wieder ein Epochenpanorama: Bei Experiment Metropole. 1873: Wien und die Weltausstellung geht es um die Zeit um 1870, eine entscheidende Transformationsphase Wiens auf dem Weg zur modernen Großstadt mit Metropolenanspruch. Um 1850 hatte Wien 550 000 Einwohner, 20 Jahre später bereits rund eine Million.
1873 wurde für die Stadt zum entscheidenden Schwellenjahr. Wie der Bau der Ringstraße symbolisierte die Weltausstellung den Ehrgeiz Wiens, internationale Bedeutung zu erlangen. Sie war die erste globale Leistungsschau, die nicht in London oder Paris stattfand, und man protzte mit Superlativen: fünfmal größere Fläche als zuvor in Paris, 53 000 Aussteller aus 35 Ländern, 194 Pavillons in extravaganten Baustilen, dazu der Industriepalast mit der 85 Meter hohen Rotunde, damals der größte Kuppelbau der Welt und neues Wahrzeichen für Wien, sowie eine 800 Meter lange Maschinenhalle. Über sieben Millionen Besucherinnen und Besucher kamen, doch die Ziele wurden nur zum Teil erreicht. 1873 war auch das Jahr des großen Börsenkrachs, mit dem eine Phase des Wirtschaftsbooms und des Fortschrittsoptimismus jäh zu Ende ging.
Die Ausstellung im Wien Museum erzählt von großen Bauprojekten und sozialen Aufsteigern der Gründerzeit, von sozialem Elend, Migration und dem Anfang der Massenparteien, von der Beschleunigung der Mobilität und dem Fortschritt in Medizin und Technik, von den Moden der Zeit und einer Hochblüte der dekorativen Künste. Ein überwiegender Teil der rund 1000 Exponate stammt aus der Sammlung des Wien Museums. Im Zentrum steht der umfangreiche Bestand der „Wiener Photographen-Association“ von über 1600 Fotos, von denen viele gezeigt werden. Zu sehen sind auch zahlreiche Originalobjekte, die auf der Weltausstellung 1873 präsentiert wurden.

Grünraum-Utopien der Nachkriegszeit
Um eine andere Art von Weltausstellung geht es in einer kleinen Ausstellung, die noch bis Ende August zu sehen ist: Vor 50 Jahren, im April 1964, wurde die Wiener Internationale Gartenschau im Donaupark eröffnet. Rund 2,1 Millionen Besucherinnen und Besucher besichtigten die damals größte Gartenausstellung Europas, die mit vielfältigen Attraktionen aufwarten konnte: Neben dem 252 Meter hohen Donauturm gab es unter anderem einen Sessellift, mit dem man über Blumenbeete schweben konnte, eine Liliputbahn, 12 Na­tionengärten, temporäre Sonderschauen im Freien, ein 41 Meter hohes Turmgewächshaus und einen skurrilen „Garten des 21. Jahrhunderts“ mit Pflanzen, die als Ernährung für Astronauten dienen sollten.
Als Großereignis der Nachkriegszeit hinterließ die WIG 64 nicht nur Spuren im kollektiven Gedächtnis, sondern auch eine der größten Wiener Parkanlagen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung beleuchtet die WIG 64 im Kontext der planerischen Utopien und der Wiener Imagepolitik der Nachkriegszeit, erzählt aber auch von zeitgenössischen Trends in der Gartengestaltung sowie von den Nachnutzungen und den Veränderungen des Areals bis heute.

Jugendstiljuwel von Otto Wagner in neuem Glanz
Das Wien Museum ist ein Kompetenzzent­rum für Otto Wagner, den Wegbereiter der Architekturmoderne in Wien. Neben zahlreichen originalen Plänen und Architekturzeichnungen, die in der Sammlung verwahrt werden, gehören zum Museum zwei Standorte: der Otto-Wagner-Pavillon Karlsplatz, der eine kompakte Dokumentation zu Leben und Werk des Baukünstlers beherbergt, und der Otto-Wagner-Hofpavillon Hietzing. Dieser erstrahlt nun nach längerer Schließzeit und aufwendiger Instandsetzung wieder in neuem Glanz.
1894 wurde Otto Wagner mit der künstlerischen Gestaltung der Wiener Stadtbahn beauftragt, bis heute prägen seine Stationsgebäude, Trassen, Viadukte und Brücken das Stadtbild Wiens. Die Idee zu einem eigenen Stationsgebäude für den „k. u. k. Allerhöchsten Hof“ hatte der Architekt selbst. Er verfolgte damit zwei Ziele: Zum einen wollte er, wie auch mit anderen Projekten, die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich lenken, zum anderen ging es Wagner um die Nobilitierung seines eigenen Hauptwerks. Schon das Äußere des im Frühjahr 1899 vollendeten Pavillons ist ­eine Synthese von imperialen Elementen (Kuppel, Wagenauffahrt, Baldachin et ­cetera) und reduzierter moderner Formensprache, wie sie etwa die betont flächigen Fassaden darstellen.

Kostbares Interieur, exakt in Szene gesetzt
Das Innere ist von einer klaren Raumabfolge geprägt: Auf das nüchterne Entree mit Terrazzoboden folgt der zentrale achteckige Wartesaal in kräftigen, warmen Farben. Zur kostbaren Ausstattung dieses secessionistischen Interieurs zählen gestickte Wand-bespannungen mit Pflanzenmustern, ein Kamin aus Laaser Onyx, ein wirkungsvoller, zugleich in der Form extrem reduzierter Luster sowie ein oktogonaler Teppich der Firma Backhausen, der bereits 1989 im ­Zuge einer Sanierung rekonst­ruiert werden konnte. Als Blickfang dient ein monumentales Bild von Carl Moll mit dem Titel Blick auf Wien aus der Ballonhöhe von 3000 Metern über der Schönbrunner Gloriette. Aus der Sicht des Adlers – und damit gleichsam zu Füßen des imperialen Herrschers – präsentiert sich Wien als weit ausufernde, moderne Großstadt.
Am 16. Juni 1899 besichtigte Kaiser Franz Joseph zum ersten Mal die Wientallinie sowie die Wienfluss-Einwölbung. „Schon in Hietzing hatte der Hofpavillon das besondere Wohlgefallen des Kaisers erweckt“, berichtete die Neue Freie Presse. Davon abgesehen, hat der Monarch die Stadtbahnstation nur noch ein weiteres Mal (am 12. April 1902) benutzt. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass der Hofpavillon Hietzing wenig Bedeutung hatte – im Gegenteil. Seine ­eigentliche Bestimmung lag von vornherein in der medialen Repräsentation von Wagners moderner Architektur: Er war gebaut worden, um fotografiert, beschrieben, publiziert zu werden und der Moderne ein imperiales Gesicht und damit Gewicht zu geben.

Informationen

Experiment Metropole. 1873: Wien und die ­Weltausstellung

bis 28. September 2014

WIG 64. Die grüne Nachkriegsmoderne

bis 30. August 2014

Otto-Wagner-Hofpavillon Hietzing

jeden Sa und So 10–18 Uhr

www.wienmuseum.at

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