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Mariendom und St. Severi bei Tag Foto Barbara Neumann © Erfurt Tourismus und Marketing GmbH Aussichtsturm der Zitadelle Cyriaksburg, ©egapark Erfurt Zitadelle Petersberg, Foto Barbara Neumann © Erfurt Tourismus und Marketing GmbHDomstufen-Festspiele 2013, Turandotegapark Erfurt ©egapark Erfurt

Waidpinkler, Wüste, Wirtschaftsfaktor

Im Jahr 2021 ist die thüringische Landeshauptstadt Schauplatz der Bundesgartenschau (BUGA). Unter dem Leitthema „GartenKulturStadt“ will ein ambitioniertes Konzept das bereits im 19. Jahrhundert als „Blumenstadt“ weithin bekannte Erfurt zukunftsfähig machen.

Und die grüne Geschichte der Stadt geht noch viel weiter zurück. Schon Martin ­Luther, der am 2. Mai 1507 im örtlichen ­Augustinerkloster seine erste Predigt hielt, bezeichnete die Erfurter als „des Heiligen Römischen Reichs Gärtner“. Mit der Begründung des Erwerbsgartenbaus durch den Erfurter Johann Christian Reichart (1685–1775) im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum des Gartenbaus. Im 19. Jahrhundert folgten schließlich die gewerbliche Zucht und der Handel mit Blumen- und Gemüsesamen.
1908 gründete der Däne Niels Lund Chrestensen das erste Blumenversandhaus. Die 1867 am Ort entstandene Firma N. L. Chrestensen ist heute ein weltweit agierender Saatzuchtbetrieb. Begünstigt durch das milde Mikroklima zwischen Steigerwald und Thüringer Wald sowie den frucht­baren Lössboden, blühte vor den Toren Erfurts schon im frühen Mittelalter der Waidanbau. Der Waid war zu jener Zeit im 13. und 14. Jahrhundert die wichtigste blauen Farbstoff liefernde Pflanze in Europa. Die Blätter der Waidpflanze wurden getrocknet und zu faustgroßen Ballen geformt. Die Fermentierung erfolgte über den Zusatz von Urin und Wasser zu gleichen Teilen. Die sogenannten „Waidpinkler“ übernahmen im wahrsten Sinn dieses Geschäft. Pulverisiert in Fässern abgefüllt, wurde der kostbare Farbstoff in ganz Europa gehandelt. Ein Gramm davon entsprach dem Wert von einem Gramm Gold. Erfurt stieg damit zur sechstreichsten Stadt im Römischen Reich auf. Die Bewohner kümmerte es deshalb wenig, als „stinkreich“ beschimpft zu werden, ging doch die Waidverarbeitung im Zentrum der Altstadt naturgemäß mit einer erheblichen Geruchsbelästigung einher. Heute gibt es zum Naserümpfen keinen Grund mehr, vielmehr heißt es Augen und Ohren aufsperren. Der historische Waidspeicher beherbergt das Kabarett Die Arche, das jährlich mit acht bis zehn wechselnden Programmen sowie Gastspielen die Kleinkunstszene der Region aufmischt, und das Puppentheater. Mit Synergura begeistert alle zwei Jahre ein internationales Puppentheaterfestival Groß und Klein.
Von der blühenden Vergangenheit Erfurts nun zum Zukunftsprojekt BUGA. Die Entscheidung für den Standort im grünen Herzen Deutschlands gewinnt vor dem historischen Hintergrund besondere Qualität. Zugleich ist die BUGA mit einem Novum verbunden, denn erstmals wird ­eine Bundesgartenschau partiell auf Flächen stattfinden, die bereits für eine ähnlich geartete Veranstaltung genutzt wurden. Der egapark Erfurt war im Jahr 1961 (damals noch unter dem Namen „iga Erfurt“) Austragungsort der ersten Gartenbauausstellung in Ostdeutschland. Bis heute ist er – mittlerweile denkmalgeschützt – einer der großen Garten- und Ausstellungsparks in Deutschland. Auf dem 36 Hektar umfassenden Gelände finden zwischen den thematisch angelegten Zier- und Nutzgärten, den tropischen Schauhäusern und großzügigen Spielflächen jährlich rund 500 000 Besucher Entspannung und Erholung. Das im Park integrierte Deutsche Gartenbaumuseum lädt Kunst- und Kul­tur­interessierte ein, auch im Skulpturengarten zu wandeln. Insgesamt gibt es 70 Skulpturen auf dem Areal zu entdecken. SIMsKultur-Lesern ist die alljährlich wiederkehrende, vom egapark veranstaltete Weihnachtsausstellung ein Begriff. Die pub­likumsstarke Leistungsschau der örtlichen Floristik findet im geschichtsträchtigen Felsenkeller im Domberg statt.
Die große Herausforderung der BUGA-Organisatoren wird es sein, den in die Jahre gekommenen egapark bei laufendem Ausstellungs- und Veranstaltungsbetrieb als Herzstück der bundesweiten Gartenschau zu sanieren und entsprechend umzubauen. Spannungsreich ist auch die geplante Einbeziehung weiterer Areale im Stadtgebiet. So soll hoch über Erfurt die mächtige Zitadelle Petersberg, die einzige weitgehend erhaltene barocke Stadtfestung Mitteleuropas, eines von drei Hauptzentren bilden. Gleichzeitig wird eine Flussaue der Gera integriert, die in einem DDR-typischen Plattenbaugebiet liegt und zum modernen Naherholungsgebiet umgestaltet werden soll.
Das zukunftsträchtigste Projekt heißt DANAKIL Klimazonenwelt. Auf dem Gelände des egaparks wird das bestehende Tropenhaus mit Schmetterlingshaus komplett neu gebaut, dazu ein moderner Wintergarten mit multifunktionaler Nutzung auch im Sommer. Als ganzjähriges Angebot entsteht das Wüstenhaus, in dem der Lebensraum Wüste unter vielfältigen Aspekten geologisch, anthropologisch, botanisch und zoologisch erfahrbar wird. Thematisch und funktional werden die drei Komplexe über einen Skywalk verbunden. Brisante Themen wie Klimaschutz und Wasserknappheit werden den Besuchern über zeitgemäßes Edutainment anschaulich vermittelt. So wird die Investition der BUGA – ein Gesamtvolumen von 61 Millionen Euro ist geplant – nach dem Willen der Organisatoren auch eine Investition in die Zukunft zum Nutzen folgender Generationen.
Zur Unterstützung des Mammutprojekts legt die Erfurter Bank eine eigens geprägte Kollektion von fünf Silbermedaillen auf (streng limitierte Auflage von je 500 Stück) und spendet pro verkaufte Medaille 10 Euro­ an den Förderverein www.buga­freunde-erfurt.de. Das erste Motiv zeigt die 1379 als älteste Alma Mater Deutschlands gegründete Universität.
Das Jahr 2021 mag noch weit entfernt erscheinen, doch in Wirklichkeit bleiben nur sieben Jahre, um all die ehrgeizigen Projekte zu realisieren. Wem die Wartezeit bis dahin zu lang wird, ist ganzjährig herzlich eingeladen, Erfurts touristische und kulturelle Vielfalt zu entdecken.
Text: Claudia Schwerdtfeger

Veranstaltungskalender 2014 (Auswahl):

Domstufen-Festspiele, JEDERMANN – Die Rockoper
10. bis 27. Juli 2014
www.theater-erfurt.de

Alte Synagoge, Erfurter Schatz und mittelalterliche Mikwe
www.juedisches-leben.erfurt.de

Kunsthalle Erfurt, CC – Classic Contemporary
Julian Röder & Robert Capa
18. Juli bis 28. September 2014
www.kunsthalle-erfurt.de

Erfurter Weihnachtsmarkt
25. November bis 22. Dezember 2014
www.erfurter-weihnachtsmarkt.eu

Florales zur Weihnachtszeit
Felsenkeller im Domberg
25. November bis 26. Dezember 2014
www.egapark-erfurt.de

Weitere Informationen
www.erfurt-tourismus.de
www.buga2021.de

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