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Tiroler Festspiele Erl 2010

Festspiele als Lebensgefühl Festspiele auf der grünen Wiese, Opern­- glamour vor Bergpanorama, internationales Flair in dörflichem Idyll – die Tiroler Festspiele Erl vereinen Kontraste. Dabei geht es mal intellektuell oder volkstümlich, mal hehr oder flippig zu. Denn Gustav Kuhn, der Leiter der Tiroler Festspiele Erl, wünscht sich ein „Festival der Auseinandersetzung“.
Adamgasse 1, A-6020 Innsbruck

Kultur ist für Gustav Kuhn – Gründer, ­Intendant und ­Dirigent der Tiroler Festspiele Erl – mehr, als nur eine Schiene zu bedienen. Musik ist für ihn Leben. Und die Tiroler Festspiele Erl sind ein Lebens­gefühl. Dieses Lebensgefühl beginnt mit dem Ort des Geschehens, dem kleinen Tiroler Passionsspieldorf Erl: 1500 Einwohner, eine Handvoll Gasthäuser, sehr viele Kühe. Ein Dorf wie viele andere auch. Aber Erl kann eine ganz besondere Geschichte erzählen. Nah an der Grenze gelegen, hat es viele Kriege, Belagerungen, viel Leid gesehen. Im 17. Jahrhundert war es genug – die Bewohner legten einen Eid ab: Sie würden alle sechs Jahre die Passion Jesu Christi aufführen, wenn sie nur verschont blieben von weiteren Kriegsgräueln. Sie wurden verschont – und Erl wurde Passionsspielort, seit den 1950er-Jahren mit einem Passionsspielhaus, das für 1500 Zuschauer Platz hat, einer großen Bühne – und einer sensationellen Akustik.

Mit Kuh und Kontrabass
Weiter geht die Geschichte mit Gustav Kuhn. Geboren in Salzburg, hatte er mit 25 Jahren zwei Universitätsabschlüsse in der Tasche, begann seine Dirigentenlaufbahn in Istanbul, setze sie in Neapel, Berlin, Rom, Paris, New York und vielen anderen bedeutenden Opern- und Konzerthäusern der ganzen Welt fort. Dabei hat er nie ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es darum ging, die Missstände des Klassik- und Opernbetriebs zu kritisieren. Jungen Musikern würden unnötige Steine in den Weg gelegt, vielversprechende Begabungen administrativen Auswüchsen geopfert. Die Antriebsfeder für sein rastloses kreatives Schaffen, aber auch für seine Kritik ist seine Liebe zur Musik. Sie ist für ihn Lebenselixier und Ansporn zu immer neuer Aktivität, zu Wandlung und Neubeginn.

Tradition auf dem Prüfstand
Ein solcher Neubeginn sind die Tiroler Festspiele Erl, die Gustav Kuhn 1998 gründete. Für ihn einerseits die Verwirklichung eines Lebenstraums, andererseits Ausdruck seines Bestrebens, junge Musiker und Musikerinnen zu fördern. Über die Jahre hat sich ein Festival von internationalem Ansehen etabliert, zu dem die Menschen von nah und fern anreisen.
Was Maestro Kuhn mit den Tiroler Festspielen Erl anstrebt, ist ein „Festival der Auseinandersetzung“. Wenn er Regie führt, stellt er die Tradition auf den Prüfstand. Lange überlieferte und kaum mehr hinterfragte Interpretationsmuster werden abgestreift, und neue, frische Ideen finden Gehör. Und wenn Maestro Kuhn ans Dirigentenpult tritt, dann kommt die musikalische Substanz der Werke ans Tageslicht.

Das Resultat: So mancher Opernfreund reibt sich verwundert die Augen und mag kaum seinen Ohren trauen. Denn die eine oder andere Arie hat er schon so oft gehört, kennt sie fast auswendig – und doch: So klang sie noch nie, so entstaubt, befreit vom Interpretationsb­allast vergangener Tage, rein und be­rührend.

Opernglanz vor Bergkulisse:
das Programm 2010
Im Juli gehen die Tiroler Festspiele Erl in die nächste Runde: Für vier Wochen wird Erl zum Festspielmekka, ein vielversprechendes Programm erwartet die Gäste.

Große Oper gibt es im Passionsspielhaus zu hören – in diesem Jahr Mozarts Zauberflöte und Wagners Fliegenden Holländer. Mit dem Fliegenden Holländer beginnt der Zyklus der frühen Opern Richard Wagners, der bis zum Sommer 2012 abgeschlossen sein wird.

Daneben steht Mozarts Zauberflöte als Neuproduktion auf dem Programm – mit dem Ziel, sie à la Erl von einengender Interpretation zu befreien und ihr so die Unmittelbarkeit und Naivität zurückzugeben, die Mozart komponiert hat.

Etwas ganz Besonderes ist der Operneinakter Die Hochzeit, den der Komponist Ernst Ludwig Leitner und der Tiroler Autor Alois Schöpf als Uraufführung bei den Tiroler Festspielen Erl vorstellen.

Symphoniekonzerte
Für Konzertliebhaber gibt es zum einen große Werke aus Klassik und Romantik zu hören:
Bruckners 7. und Beethovens 9. Symphonie, Mozarts Klavierkonzert Nr. 9, Brahms’ Deutsches Requiem und Mussorgskis Bilder einer Ausstellung.
Aber auch Kontraste fehlen nicht: Zur Eröffnung werden zwei Orchesterstücke des Tiroler Komponisten Kurt Estermann uraufgeführt, die Osttiroler Musicbanda Franui präsentiert ihre zeitgenössisch-tirolerische Bearbeitung der Mahler-Lieder.

Kammermusik
Auch die Erler Pfarrkirche und das Gasthaus Blaue Quelle sind beliebte Veranstaltungsorte der Tiroler Festspiele Erl. Hier finden unter der Woche handverlesene Kammerkonzerte und Liederabende unter anderem mit Davide Cabassi (Klavier) oder dem Zemlinksy-Quartett statt. Galten diese Konzerte bis vor Kurzem noch als Geheimtipp, so haben sie sich doch über die Jahre als künstlerisch wichtige Säule des Erler Sommerprogramms etabliert.

Das Repertoire reicht dabei von Monteverdi über Mussorgski, Schumann und Bartók bis zu zeitgenössischen Komponisten wie Moritz Eggert, Barbara Romen oder Gregor Mayrhofer.

Die besondere Handschrift der Festspiele, die sich nicht scheuen, den „klassischen“ Konzertrahmen auszuloten, ist auch hier zu entdecken: Frei nach dem Motto „Dirndl und Diven“, treffen zum Beispiel im Gasthaus Blaue Quelle tradi­tioneller alpenländischer Dreigesang und Madrigale aus der Renaissance aufeinander.

Specials
Eine Erler Spezialität sind ungewöhnliche Aufführungen, die aus dem Passionsspielhaus hinauslocken: zum Beispiel Aufruhr der Landmaschinen – ein Landschaftstheater auf der grünen Wiese zur Musik von John Cage und Ruedi Häusermann oder der Renaissance-Vokalmarathon Spem in Alium in der Pfarrkirche Erl. Schließlich verwandelt sich das Passionsspielhaus in Tirols größten Kinosaal, wenn dort Friedrich Murnaus Faust von 1926 mit der Musik des Schweizer Komponisten und Saxofonisten Daniel Schnyder gespielt wird.

Informationen
Tiroler Festspiele Erl
Adamgasse 1, A-6020 Innsbruck
Tel. (+43-512) 57 88 88 11-13
karten@tiroler-festspiele.at
www.tiroler-festspiele.at

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