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Ältestes Druckwerk, Gutenberg Bibel, Stift St. PaulStift St. PaulRamsey-Psalter 1300–1310 © Benediktinerstift Sankt Paul 

Macht des Wortes – Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas

Wenn am 26. April das heuer größte Ausstellungsereignis in Österreich seine Tore öffnet, dann geht der Vorhang zur Geschichte auf. Über 1500 Jahre europäischer Vergangenheit erschließen sich dem Interessierten. Und wer aufmerksam die historischen Gewölbe und Säle durchwandert, wird entdecken, dass es viele Parallelen zwischen gestern und heute gibt.
Hauptstraße 1, A-9470 St. Paul im Lavanttal

In einer Zeit der Hektik und der Allgegenwart des Begriffs Krise suchen die Menschen in ihrem Alltag nach Oasen. Stille ist wieder gefragt, um den Stress der Berufswelt und den Leistungsdruck hinter sich zu lassen. Gerade in Zeiten wie diesen mag man
sich vielleicht die berechtigte Frage stellen: Wozu Ausstellungen und Kulturveranstaltungen?
Macht des Wortes – Benediktinisches Mönchtum im Spiegel Europas nennt sich die Ausstellung im Stift Sankt Paul, die sich der Entwicklung der Klöster widmet. Eine faszinierende Welt! Manches ist der Sprache unserer Zeit fremd. Vieles aber wird als bekannt empfunden und kann Denkanstöße für das eigene Leben vermitteln, vielleicht auch den Optimismus wecken.
Die Wirren der Völkerwanderung hatten in Europa ein Chaos hinterlassen. Kein Stein war auf dem anderen geblieben, und die Machtverhältnisse hatten sich grundlegend verschoben. Es war eine Zeit des Umbruchs – heute würde man es Krise nennen. In dieser Zeit wurde im Jahr 480 in einem kleinen Städtchen Umbriens namens Nursia Benedikt als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Zunächst beherrschte eine glänzende Ausbildung das Leben des jungen Benedikt. Er wurde nach Rom geschickt, wo er sich im Studium das Rüstzeug für seine Zukunft erwerben sollte. Benedikt floh aus Rom und zog sich in die Einsamkeit von Enfide zurück. Der Ruf seines heiligmäßigen Lebens verbreitete sich rasch, sodass ihn die Mönche des Klosters von Vicovaro zu ihrem Abt wählten. Allein die Konsequenz und die Strenge Benedikts führten zum Bruch. Nach einem gescheiterten Vergiftungsversuch ging Benedikt nach Subiaco, wo er neuerlich die Einsamkeit suchte. Doch auch hier konnte sein stilles Streben nach den Werten des Lebens nicht verborgen bleiben, und immer mehr junge Männer kamen und schlossen sich ihm an, sodass bald 12 Klöster entstanden, denen Benedikt vorstand. Schließlich war es die Eifersucht des ortsansässigen Priesters Florentius, die Benedikt veranlasste, Subiaco zu verlassen. 529 gründete er das Kloster Montecassino, das zur Keimzelle des abendländischen Mönchtums wurde. Hier verfasste er seine Regula,
die als Lebensfibel Millionen von Mönchen und Nonnen durch viele Jahrhunderte begleiten sollte. Papst Gregor der Große schildert im zweiten Buch der Dialoge die Lebensgeschichte des Heiligen und überlieferte damit die Biografie einer der schillerndsten Persönlichkeiten am Ausgang der Antike. Und was dieser Benedikt von Nursia zu sagen hat, ist heute noch gültig.
Mit großem Aufwand wurde die Kärntner Benediktinerabtei saniert. Die bedeutende Sammlung der Bücher, die Handschriften ab dem 4. Jahrhundert verwahrt, ist in den alten Kellergewölben zu einer beeindruckenden Welt der Literatur zusammengetragen worden.
Herausragende Werke, wie das älteste Buch Österreichs oder das erste Druckwerk Gutenbergs, werden in der Ausstellung ebenso gezeigt wie die berühmten Merseburger Zaubersprüche, die das erste Mal im Original außerhalb Merseburgs zu sehen sein werden. Nicht zuletzt stehen sie als Synonym für das Verbotene. Heute haben die Menschen freien Zugang zu Wissen und geistigen Errungenschaften. Das war nicht immer so.
Alle Kellergewölbe im Westtrakt des Stifts sind nun der Öffentlichkeit zugänglich, und es wird möglich, Architektur von fast 1000 Jahren zu erspüren. Weit ausladende Hallen, kleine Verliese und geheime Gänge … all das gibt es nicht nur
in spannenden Filmen, sondern das wird in Sankt Paul Wirklichkeit. Gewaltige Mauern von drei Meter Stärke, riesige Bogen und mächtige Pfeiler modellieren eine „Landschaft“, die den Atem stocken lässt. Was war hier vor Hunderten von Jahren? Wer hat das alles gebaut?
Außen erahnt man nicht, was sich im Inneren des Klosters verbirgt, und man ist überrascht von der Weitläufigkeit des Ensembles.
Im Blickpunkt der Ausstellung steht die älteste erhaltene Abschrift der Benediktusregel aus Sankt Gallen, um die sich eine Fülle von beeindruckenden Exponaten aus ganz Europa gruppiert. Die berühmte Arche des Willibrord, der Codex Benedictus aus dem Vatikan, das Gandersheimer Evangeliar aus Coburg, die Millstätter Genesis und nicht zuletzt ein von Martin Luther handgeschriebenes Werk sind Glanzlichter dieser Schau. Neben den Kostbarkeiten der Buchkunst zeigt das Stift Sankt Paul in der Europaausstellung aber auch hervorragende Gemälde und Grafiken vieler bedeutender Künstler und Werke aller wichtigen Silber- und Goldschmiede Europas.
In der Ausstellung werden aber nicht ausschließlich spirituelle Themen beleuchtet, sondern es wird deutlich, dass die Benediktiner großen Anteil an der Gestaltung Europas in vielfältigen Bereichen hatten. Die Kultivierung der Landschaft, der Bergbau, Entdeckungen und Erfindungen waren durch einen aufgeschlossenen Geist, der die Klöster über Jahrhunderte durchwehte, möglich. Es gab faszinierende Persönlichkeiten, die ihre Zeit prägten.

Kristalldom
Die Inszenierung der Schöpfungstage und des Lebens des heiligen Benedikt durch Peter Hans Felzmann in einer atemberaubenden Kellerwelt versetzt den Besucher in Staunen und entführt ihn in eine andere Zeit. Der Kristalldom stellt sich als eines der Highlights der Europaausstellung dar, lädt im Planetarium zum Träumen ein und gebietet Ehrfurcht vor der Virtuosität der Architektur des Mittelalters.

Barockgarten und Kräutergarten
Wer jedoch dem Stress des Alltags entfliehen möchte, kann sich im historischen Barockgarten bei einer Tasse Kaffee im Gartenschlössl Belvedere erholen und den Ausblick und die Ruhe im „Paradies Kärntens“ genießen. Bestimmt ist gegen die Hektik dieser Zeit auch ein Kraut gewachsen, vielleicht findet man dieses sogar im neu angelegten Kräutergarten oder in einem der Tees, die in der eigenen Kräuterapotheke zum Verkauf angeboten werden.

Kinderprogramm
Nicht vergessen hat man im Stift Sankt Paul auf die kleinen Gäste. So begeben sich die Kinder gemeinsam mit dem Klosterkobold Muki auf Entdeckungsreise und können nach erfolgreicher Rätselrallye eine kleine Überraschung im Museumsshop abholen. Und während die Erwachsenen durch die spannende Ausstellung spazieren oder bei einem guten Gläschen Stiftswein im Restaurant entspannen, können sich die ganz Kleinen in der Kinderbetreuungsstätte vergnügen.

Macht des Bildes
Der „Macht des Wortes“ wird im Werner-Berg-Museum in Bleiburg die „Macht des Bildes“, die Fähigkeit der Bilder, in der Erscheinung Sinn und Bedeutung zu schaffen, gegenübergestellt. Herausragende Kunstwerke unserer Zeit bieten eine anschauliche Ergänzung zu den in Sankt Paul behandelten historischen Zeiträumen. Der Besucher erfährt, wie große österreichische Künstler des 20. Jahrhunderts Visionen von Transzendenz und Göttlichkeit in ihren Bildern zu zeigen vermochten. Der Bogen der über 50 ausgewählten Künstler reicht von Alfred Kubin, Egon Schiele und Oskar Kokoschka über Herbert Boeckl, Max Weiler und Arnulf Rainer bis zu Hermann Nitsch. Die Fülle der ausgewählten Werke ergibt gleichzeitig einen eindrucksvollen Überblick über die Geschichte der österreichischen Moderne. Wie haben die Künstler, jeder Einzelne von ihnen, Göttlichkeit erlebt? Dies wird zur zentralen Frage der Ausstellung. Besondere Berücksichtigung erfährt dabei das im Museum sonst beheimatete Werk Werner Bergs.
Erstmals zeigt der neue Skulpturengarten Meisterwerke zeitgenössischer Bildhauerkunst.
Beim Tanzfestival, in dem ein eigens für diesen Zweck geschaffenes Werk von Johann Kresnik und Karlheinz Miklin zur Uraufführung kommt, wird Bleiburg zum Zentrum aktuellster performativer Kunst.
Europafeste sowie kulinarische Kostbarkeiten veredeln das Angebot der Europaausstellung, die auf diesem Weg zwei Regionen miteinander verbindet und den Begriff Europa neu interpretiert.

Informationen
Europaausstellung 2009
26. April bis 8. November 2009
täglich 10–18 Uhr

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