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Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

Trümmerfrauen, Nierentisch und Petticoat – mit der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem beginnenden Wirtschaftswunder in den frühen 50er-Jahren verbinden sich viele Erinnerungen.
Residenzplatz 2, D-97070 Würzburg

Die Bayerische Landesausstellung 2009 macht diese Zeit des Aufbruchs wieder lebendig: Von den Entbehrungen der Nachkriegszeit bis zum neuen Wohlstand der 50er-Jahre, von der Politik bis zur Kultur spannt sich der historische Bogen. Zum ersten Mal können sich die Besucher einer Landesausstellung dabei auch mit ihren eigenen Geschichten einbringen.
Die Entwicklungen und Entscheidungen dieser Jahre prägen Bayern bis heute. Das gilt für Stadtgrundrisse und Wirtschaftsstandorte ebenso wie für die Architektur von Kaufhäusern, Kinos und Kirchen. Wohnhäuser und staatliche Gebäude entstanden durch das Engagement von Privatleuten, Kommunen und oberster Baubehörde neu. Dabei wollte sich das neue Bauen durch einen leichten, transparenten Stil von der monumentalen NS-Architektur unterscheiden. In der Inneneinrichtung hingegen dominierten geschwungene Formen: Nierentisch und Sideboard, Tütenlampe und Wohnzimmercouch hielten auch in den bayerischen Wohnungen Einzug.
Für den Wiederaufbau der zerbombten Städte ist Würzburg das beste Beispiel, und die Residenz selbst dient 2009 als begehbares Ausstellungsobjekt. Aus einer ausgebrannten Ruine entstand das barocke Kleinod neu. Dabei war heftig umstritten, ob man das Schloss originalgetreu wiederaufbauen sollte. Doch nicht nur in der Architektur, auch in vielen politischen und gesellschaftlichen Fragen schwankte die Stimmung in den 50er-Jahren zwischen Tradition und Moderne. In den frühen 60er-Jahren ließ das Wirtschaftswunder, das den Menschen finanzielle Absicherung und auch eine gehörige Portion Fortschrittsglauben bescherte, das Pendel zugunsten der Moderne ausschlagen.
Das machte sich auch im Alltag bemerkbar – hier liegen Welten zwischen den Jahren 1952 und 1962: 1952 war die größte Not überstanden, Wohnungen und Straßen waren instand gesetzt, in den Alltag der Menschen war wieder eine Art von Normalität eingekehrt. Zehn Jahre später, in der Zeit des Wirtschaftswunders, musste die bayerische Hausfrau nicht mehr improvisieren. Sie hatte hilfreiche Elektrogeräte wie Staubsauger und Mixer zur Hand und brachte für die Familie so exotische Gerichte wie den Hawaii-Toast auf den Tisch, während im Wohnzimmer der Fernseher lief und vor der Haustür das eigene Auto parkte.
Die Bayerische Landesausstellung 2009 in der Würzburger Residenz wird die vielfältigen Entwicklungen in ihren Widersprüchen behandeln und den Besucherinnen und Besuchern einen Eindruck von dem Ausmaß der Leistungen vermitteln, das der Wiederaufbau Bayerns nach 1945 darstellt. Zahlreiche Exponate stammen dabei aus Würzburger Privatbesitz: Unter dem Motto „Von Trümmernot zum Petticoat“ stellten Bürgerinnen und Bürger Erinnerungsstücke und Familienschätze zur Verfügung. Damit bringen sich die Besucher einer Landesausstellung zum ersten Mal selbst mit ihren Geschichten ein. Über die Präsentation in der Residenz hinaus können auf der Website des Hauses der Bayerischen Geschichte eigene Erinnerungsstücke mit ihren Geschichten hochgeladen werden – eine virtuelle Landesausstellung für ganz Bayern.
Diese Erinnerungen, zeitgenössische Schlager und Filme lassen den Geist der 50er-Jahre wieder erstehen. Dadurch wird Geschichte zum Erlebnis – für Zeitzeugen, die noch einmal in Erinnerungen schwelgen möchten, und für junge Besucher, welche die faszinierende Zeit von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder kennenlernen können.

Informationen
9. Mai bis 4. Oktober 2009, Residenz Würzburg, täglich 9–18 Uhr

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