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Ein Ort des ständigen Flusses

Im Kunsthistorischen Museum Wien traf sich SIMsKultur mit Dr. Sabine Haag. Die Kunsthistorikerin leitet in Nachfolge von Wilfried Seipel als General­direktorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin seit gut zwei Jahren die Geschicke der größten Museums-Holding in Österreich mit dem Flaggschiff Kunst­historisches Museum (KHM), das zu den Top 10 der bedeutenden Museen weltweit zählt.

 

Text: Dr. Franz-Xaver Schlegel

Fotos: Carlos de Mello

Maria Theresien-Platz, A-1010 Wien

Das größte seit Jahren laufende Projekt des Kunsthistorischen Museums mit seinen unzähligen Objekten aus 7000 Jahren Kulturgeschichte ist die umfassende Sanierung und Neupräsentation der Kunstkammer. Hiezu zählen kostbare Goldschmiedearbeiten, darunter die weltberühmte Saliera von Benvenuto Cellini – bekannt durch den spektakulären Raub 2003 in der Kunstkammer und das nicht weniger spektakuläre Wiederauftauchen im Jahr 2006.

 

SIMsKultur: Frau Dr. Haag, Sie sind nicht nur Chefin des Gesamthauses, sondern in Personalunion auch Direktorin der Kunstkammer. Wie geht es dort mit den Arbeiten voran?

Sabine Haag: Wir arbeiten intensiv an diesem Megaprojekt. 2700 Quadratmeter wird die neue Kunstkammer umfassen. Rund 2500 Objekte werden wir dem staunenden Publikum präsentieren. Es soll eine radikale Neuaufstellung werden, die State of the Art ist – bei allem, was der heutige Museums­besucher erwarten darf. Die Objekte sollen nach dem neuesten wissenschaftlichen Stand präsentiert werden. Das wissenschaftliche Konzept wurde diesbezüglich grundlegend erarbeitet. Optimale Präsentationsformen, Beleuchtung, Museumsdidaktik, Sicherheit und so weiter sollen berücksichtigt werden, damit der Rundgang durch die neue Sammlung für das Publikum möglichst spannend und natürlich auch lehrreich ist.

SIMsKultur: Mich interessiert, wie Sie sich hier vor allem im Hinblick auf die Szenografie positionieren. Dieses Stichwort wird häufig gebraucht, wenn Wiederpräsentationen von bereits bekannten Sammlungen auf dem Programm stehen. Für mich stellt sich das als Gratwanderung zwischen dem Effekthascherischen einerseits und Chancen für die Didaktik andererseits dar. Wie sehen Sie das?

Sie sprechen das richtig an. Das ist eine Gratwanderung. Dauerausstellungen dürfen überwiegend nicht auf dem Effekt aufbauen. Man muss sich vorstellen, eine solche Dauerausstellung soll wahrscheinlich 50 Jahre gültig sein. Doch ein Museumsbesuch muss auf der einen Seite dem Besucher einen roten Faden an die Hand geben, damit er sich zurechtfindet, dass er auch nach unterschiedlicher Vorbildung, unterschiedlichem Interesse und mit unterschiedlichem Zeitkontingent eine Sammlung durchwandern kann und dabei das Gefühl bekommt, er hat die Sammlung gesehen, er hat etwas dazugelernt, aber nicht mit dem belehrenden Zeigefinger, sondern es ist gerade die Mischung von Wiedererkennen von Bekanntem und der Lust, weiterzuschauen.

SIMsKultur: In Bezug auf die Kunstkammer heißt das …?

Was die Kunstkammer anbelangt, ist das ­eine besondere Herausforderung, aber auch die modernste Art des Sammelns, weil sie sehr stark mit assoziativem Sehen, mit as­soziativem Denken zusammenhängt, etwa wenn sich Objekte durch das Zusammenspiel gegenseitig erklären. Dem muss ich Rechnung tragen. Eines halte ich für extrem wichtig, und ich glaube auch wirklich daran: an die Aura des Originals. Der Besucher muss auf das Original hingeführt werden.

SIMsKultur: Wir haben es in der Kunstkammer in erster Linie mit kunstgewerblichen Objekten zu tun. Nun gibt es in Ihrem Museum auch eine große Anzahl von Gemälden, die gezeigt werden müssen – Änderungen in der Präsentation deuten sich an. Wo sehen Sie hier Trends in anderen Gemäldemuseen, und was unternehmen Sie in Wien?

Ich glaube, dass viele Museen den Weg der absoluten Spezialsammlungen verlassen, um nicht hier nur Gemälde, dort nur Skulpturen und an einem anderen Ort nur rö­mische Antike zu zeigen. Vielmehr durch­mischen sich Bestände gegenseitig, wobei aber immer klar sein muss, dass man sich beispielsweise in der Gemäldegalerie befindet und nicht etwa sozusagen in einer „Gemischtwarenhandlung“. Wir müssen das Auge des Besuchers führen. Wir müssen durch eine gezielte Beleuchtung, durch eine kluge Hängung, durch ein kluges Kombinieren von Gemäldethemen zum Beispiel den Besuchern Anhaltspunkte geben. Ich glaube auch, dass in einer Dauerausstellung die Hängung immer wieder verändert werden muss.  Das Aufbrechen des immer gleichen Rhythmus ist sehr wichtig.

SIMsKultur: Wenn ich meiner Gewohnheit folgend in Ihr Museum komme und mir je nach Gusto ein bestimmtes Thema oder Gemälde einer Stilperiode ansehen will, dann passiert es mir immer wieder, dass ausgerechnet diese Räume geschlossen sind. Der Grund: Wechselausstellungen machen sich hier breit. Und es ist jedem klar: Im Kunsthistorischen Museum mangelt es an Sonderausstellungsräumen. Gibt es Planungen, um diesen suboptimalen Zustand zu beseitigen?

Es gibt in erster Linie Wünsche, um diesen „suboptimalen“ Zustand zu beseitigen. Das Museum ist ein historisches Gebäude und war nicht für Sonderausstellungen ausgelegt. Wir nehmen derzeit wieder das Projekt „Untertunnelung oder Unterkellerung des Maria-Theresien-Platzes“ in Angriff, denn ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, großen Raum zu schaffen. Immerhin sind wir mit dem historischen Gebäude sehr stark an den Denkmalschutz gebunden. Das heißt, wir können beispielsweise keinen Glaskubus anbauen oder ein Geschoss aufstocken. Die Infrastruktur des Museums im 21. Jahrhundert muss vollkommen anders aussehen als Ende des 19. Jahrhunderts. Es sind vor allem Sonderausstellungsräumlichkeiten, die uns fehlen.

SIMsKultur: Zu den Besuchern: Ohne Sonderausstellungen geht es heute in einem Museum nicht, selbst wenn ein Museum wie das KHM außerordentliche Schätze besitzt. Es fällt auf, dass es im KHM zunehmend Sonderschauen gibt, bei denen eigene Exponate besonders umfangreich vertreten scheinen. Internationale Highlights sind hier eher selten anzutreffen. Was steckt hinter dem Programm – vor allem im Hinblick auf die Blockbuster, die andere Kunstinstitutionen in Wien Schlag auf Schlag in die Stadt ziehen?

Wir haben tatsächlich eine Modifizierung der Ausstellungsprogrammierung vorgenommen. Wir machen natürlich jedes Jahr Sonderausstellungen in allen Häusern. Aber wir schöpfen auch aus unseren eigenen Beständen. Es hat leider immer noch einen etwas negativen Beigeschmack, wenn gesagt wird, man zeigt Bestände des Hauses. Wenn das KHM dies mit seinen 13 Sammlungen, die absolute Weltkunst in großer Zahl versammeln, macht, dann hat das in gewisser Hinsicht auch mit unserem gesetzlichen Bildungsauftrag, mit dem Forschungsauftrag zu tun. Jede Ausstellung verlangt schließlich auch, dass Objekte erforscht werden, und wir haben die besten Kuratoren, die sich damit intensiv auseinandersetzen und dem Wunsch der Bevölkerung nachkommen, dem Mythos entgegenzuwirken, die Schätze lagerten im Keller. Wir zeigen immer wieder bewusst Objekte unseres Hauses in immer wieder neuem Kontext. Dass dies spannend ist, zeigen auch die hohen Besucherzahlen unserer Sonderausstellungen.

 

SIMsKultur: Ihr Museum hat viele Aufgaben. Wir können also klar festhalten: Die Übernahme von großen Wanderausstellungen, die in Europa unterwegs sind, ist keine zentrale Aufgabe des KHM. Ich frage mich dennoch, ob Ausstellungen wie die hervorragend gemachte zu Vermeer und andere eher kleine Schauen auf Dauer die Anziehungskraft Ihres großen Museums bewahren können.

Diese Ausstellungen sind Teil der Attraktivität des Museums. Das KHM agiert im internationalen Kontext durch große Sonderausstellungen, die wir auch machen, sei es aus eigenem Antrieb oder durch Kooperation mit anderen Museen. Wir sind gefragte Leihnehmer und Leihgeber. Aber es ist auch wichtig, mit dem zu arbeiten, was wir haben. Wichtig erscheint mir, über das Jahr gesehen mit beiden Möglichkeiten zu operieren. Abgesehen davon hat jedes Museum, nicht nur das KHM, mit Budget­nöten zu kämpfen, und im Grund genommen kann es sich kein Museum leisten, nur als Kunsthalle zu agieren und sich ständig neue Leihgaben einzukaufen. Wir habe es auch nicht notwendig.

 

SIMsKultur: Sie versuchen, zeitgenössische Kunst- und Kultur anderer Gattungen in das altehrwürdige KHM zu bringen. Zum Beispiel das Theaterprojekt Ganymed Boarding. Wie kommt diese Öffnung bei den Besuchern an?

Die kommt ganz hervorragend an. Unsere Besucher sprechen, glaube ich, sehr stark darauf an, dass das Museum im Sinne einer Grenzüberschreitung der verschiedenen Gattungen geöffnet wird beziehungsweise auch des Erklärens der alten Meister aus einer zeitgenössischen Perspektive heraus. Mir ist wichtig, dass alles, was an Zeit­genössischem bei uns im Haus passiert, immer Bestand hat, mit unseren Fragestellungen verbunden ist. Ganymed Boarding war ein unglaublich erfolgreiches Projekt, weil es uns auch anderes Publikum ins Haus gebracht hat, das vielleicht zum ersten Mal hier war, aber – das war sehr schön zu beobachten – sich dann mit dem aus­einandergesetzt hat, was bei uns gezeigt wird, was an den Wänden hängt, was steht. Und diese Gäste werden wiederkommen.

 

SIMsKultur: Solche Sonderprojekte sind immer auch Events, temporäre, bewegte Ereignisse, die kraftvoll ausdrücken: Achtung, hier passiert etwas! Wie weit sind Sie bereit, in die Eventmaschinerie einer Großstadt einzusteigen? Wo sehen Sie Chancen, wo Risiken?

Das Museum darf nicht zu einer Event-Location verkommen, sage ich jetzt ganz bewusst. Wenn auch wichtig ist, dass man durch Events zeigt: Im Museum passiert etwas, es ist nicht nur ein Ort der Beharrlichkeit und der Beständigkeit, sondern auch ein Ort des ständigen Flusses. Auf der anderen Seite darf das Museum aber nicht überstrapaziert werden. Wir wollen also keine Party-Location werden. Das ist nicht unsere Aufgabe.

 

SIMsKultur: Die Besucher wandeln sich. So zeichnen sich meiner Ansicht nach ebenfalls deutliche Tendenzen zum „kulturellen Analphabetentum“ ab – ohne dies hier analysieren und bewerten zu wollen! Fakt ist: Bildungsbürgerliche Ideale haben ihre Strahlkraft verloren. Auch das Besucherverhalten und Besuchererwartungen wandeln sich. Mit welchen Strategien und mit welchen Dienstleistungen antworten Sie in ­Ihren Häusern auf diese Entwicklungen?

Das große Schlagwort in diesem Zusammenhang ist „Vermittlung“. Vermittlung geht über das reine Führungsangebot hi­naus. Das heißt, wir versuchen selbstverständlich, diesbezüglich für unsere unterschiedlichen Besuchergruppen spannende Themen anzubieten. Wir versuchen auch, die eigene Kreativität der Besucher anzu­regen, indem sie zuerst eine Führung mitmachen und dann in unser neues Kreativ­atelier gehen, um die erlebten Themen nachzuarbeiten. Insgesamt geht es darum, den Besuchern eine gewisse Grundinformation zu geben – etwa über Audioguides oder in visueller Hinsicht oder durch den punktuellen Einsatz neuer Medien. Wichtig ist, dass wir mit dem, was unser Haus an Bildungsinhalten bietet, das heißt durch die Objekte, offensiver an unser Publikum he­ran­gehen – jedoch nicht im ausschließlich belehrenden, sondern im anregenden Sinn.

SIMsKultur: Ihre Museen können ohne Unterstützung durch den Staat nicht überleben. Der Staat steht hier in der Verantwortung, kulturelles Erbe, für deren Unterhalt er sorgt, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Trotzdem versucht jedes Museum, weitere Finanzmittel zu erschließen. Wie gewichten und bewerten Sie in Ihrer Museums-Holding die vier Bereiche Freunde, Sponsoren – Sie fischen im selben Teich wie viele andere Kulturanbieter der Stadt –, außerdem Merchandising und Lizenzierung sowie Dienstleistungseinnahmen?

Wir müssen einen Teil des Budgets selbst erwirtschaften. Neben der sogenannten Basisfinanzierung, die beispielsweise leider nur zur Abdeckung der Personalkosten dient, sind Eintrittserlöse ein wichtiger Posten. Auch Ausstellungskooperationen, Ausstellungsvertrieb, Publikationen sind für uns bedeutende Einkommensquellen. Ich glaube, dass man das nicht scharf prozentual abgrenzen kann. Doch weil wir einen Bildungsauftrag haben, können wir mit Ausstellungen nicht nur Geld verdienen. Ich wünsche mir aber, dass wir auch immer den Erfolg mit unseren sehr unterschiedlichen Ausstellungen einfahren, den wir auch prognostizieren.

SIMsKultur: Ich muss noch einmal nachhaken: Wie sieht es im Museum mit Sponsoren, Stichwort „Werbung“, und mit den Freunden, Stichwort „Mäzenatentum“, aus? Was wird hier unternommen?

Natürlich ist das Gewinnen von Sponsoren und von privaten Geldern, hier auch von Freundeskreisen, sehr wichtig für das Museum. Sponsoren zu gewinnen ist sehr zeit­intensiv. Sponsoren wollen heute genau wissen, was mit dem Geld passiert, das sie geben, und wollen eine klare Gegenleistung dafür haben – sei es auch nur im ideellen Sinn. Wir haben einen großen, sehr erfolgreichen Freundesverein. Er unterstützt uns vornehmlich bei Ankäufen und derzeit auch bei der Wiedereinrichtung der Kunstkammer. Wir haben außerdem kürzlich einen internationalen Freundeskreis gegründet, der seinen Sitz in New York hat, um amerikanischen Staatsbürgern steuerschonende Möglichkeiten zu geben, um sich für das Haus zu engagieren. Diese Bereiche sind derzeit allesamt im Aufbau begriffen. Denn die Bundesmuseen wurden vor nicht allzu langer Zeit ausgegliedert, und vieles, was bis dahin selbstredend vom Staat übernommen worden ist, müssen wir jetzt zum Teil selbst erwirtschaften – wie die Konkurrenz: Die anderen Museen stehen vor denselben Themenstellungen. Unser Vorteil als KHM ist der, dass wir in der Tiefe der Sammlungen, in der Komplexität mit der Konzentration auf alte Meister ganz speziell das Publikum ansprechen. Und damit müssen wir noch stark arbeiten und unsere Attraktivität betonen.

SIMsKultur: Sie sind als Generaldirektorin für eine große Zahl von Museen und Mitarbeitern verantwortlich. Ein solch großer Betrieb hat mit vielen Herausforderungen – äußeren wie inneren – zu kämpfen, um sich zu behaupten und zugleich für Aufgaben der Zukunft gewappnet zu sein. Wo sehen Sie sich nach zwei Jahren im Amt?

Ich sehe mich definitiv noch nicht am ­Ende der Fahnenstange. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren einiges bewegen können. Wir konnten vor allem nach ­außen und auch nach innen ins Haus, was mir wichtig war, gut vermitteln, dass sich etwas bewegt, dass das Haus nicht nur durch die Direktorin gelenkt und zum Erfolg geführt wird, sondern dass dies eine gemeinsame Anstrengung ist, die auf der einen Seite viele Möglichkeiten, auf der anderen Seite viel Verantwortung und Verpflichtung für die Mitarbeiter bietet. Ich denke, dass wir uns beim Öffnen im buchstäblichen Sinn, beim Öffnen im Sinn von neuen Konzepten, neuen Überlegungen, vor allem dem Knüpfen von Netzwerken, auch Wissensnetzwerken, Forschungsnetzwerken, bereits gut in der zweiten Hälfte bewegen. Aber es ist noch sehr viel möglich, und es muss auch noch viel geschehen.

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