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Polen. Architektur.

Polen kann auf ein vielfältiges und reichhaltiges kulturelles Erbe zurückblicken und ist seit dem Jahr 2004 Mitglied der Europäischen Union. Die bislang wenig bekannte Architekturszene Polens aus dem Zeitraum von rund 100 Jahren wird in drei signifikanten Zeitabschnitten in zahlreichen Werken präsentiert.
Schottenring 30, A-1010 Wien

Architektur in Polen in der Zeit von 1900 bis 1945
Am Beginn des 20. Jahrhunderts war polnische Architektur vom historisierenden Ornament des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet. Das bis November 1918 geografisch unter drei Mächten aufgeteilte Staatsgebiet erklärt die heute noch sichtbare Verschiedenartigkeit der historischen polnischen Gebiete. Trotz temporären Verlusts der staatlichen Identität kann man jedoch von einer polnischen Architektur sprechen, die ähnlich wie die polnische Literatur ununterbrochen existiert hat.
Eine frühe Moderne – schöpferisches Echo historischer Stilrichtungen – befreite sich von den historischen Formen, und der großstädtische Raum füllte sich mit eleganten Gebäuden wie Banken, Theatern oder Amtshäusern, die – weitgehend vereinfacht – auf Proportionen und Details der Renaissance und des Barock zurückgriffen. Diese „gebügelte“, modernisierte, edle Form passte ideal zum Geist einer industrialisierten Metropole. Dies war auch der letzte Architekturstil im dreigeteilten Polen, der lokale Unterschiede – sichtbar beispielsweise in Warschau, im modern gestalteten Stadtzentrum von Posen oder auch in Lemberg – vor Augen führte.
Die Unabhängigkeit Polens zeigte sich im Bereich der Architektur in einer Dualität des schöpferischen Denkens in zwei deutlichen, sich gegenseitig ausschließenden Tendenzen: einerseits im Bestreben, das Heimische sichtbar zu machen, und andererseits im Drang in Richtung Moderne, die Europa damals prägte. Das heimische Element, nun so wichtig im Kontext des unabhängigen, wiedervereinten Staats, sollte im polnischen Gutshof (dwór) seinen Ausdruck finden – als Symbol des positiven Denkens und des für den Landadel charakteristischen Geists des Polentums, der in diesen Gutshöfen wehte. Veranden mit Säulen, dreieckige Giebel, hohe Schindeldächer und kreisförmige Blumenbeete fügten sich zu malerischen Domizilen.
Der zweite Trend, den man zum „nationalen“ Baustil stilisierte, war der Zakopane-Stil. Der namensgebende Kur- und Wintersportort im Süden Polens ist im Lauf der Zeit in Mode gekommen, und die dort verwendeten Elemente der Volksbaukunst sind die besten Beispiele dafür. Eine bedeutende Episode in den Bestrebungen, den Pfad der Traditionen zu verlassen, war ein zwar singuläres, doch prominentes Objekt: der polnische Pavillon für die Internationale Kunstgewerbeausstellung in Paris 1925.
Ab Mitte der 20er-Jahre erreichte die westeuropäische Avantgarde auch Polen: Junge Architekten verbreiteten den internationalen Stil. Die Gruppierungen um die gleichnamigen Avantgardezeitschriften Blok sowie später auch Praesens, denen die jungen, dynamischen Kreativen angehörten, standen den Congrès Internationaux de l’Architecture Moderne (CIAM) nahe und stellten ab 1928 deren polnische Delegierte. Die „Wohnung für das Existenzminimum“ – Programm des 2. Kongresses – wurde in zahlreichen beispielhaften Bauten erfolgreich verwirklicht.
Die Warschauer Wohngenossenschaft (Warszawska Spól´dzielnia Mieszkaniowa) oder die Gesellschaft der Arbeitersiedlungen (Towarzystwo Osiedli Robotniczych) setzten wahre Pionierschritte zur Förderung sozialer Wohninitiativen mit umfangreichem Angebot an Sozialdienstleistungen.
Durch das Bauhaus beeinflusst wurden auch die zahlreiche Bürobauten von Ministerien und sogar die Residenz des polnischen Staatspräsidenten im Ort Wisl´a. Möbel aus gebogenem Metallrohr, Ledersessel und Couchtische mit Glasplatten verliehen den Repräsentationsräumen einen funktionalen, modernen Charakter.
Der Geist der Moderne wurde durch die auch nach dem Krieg sehr aktive Landesgruppe der CIAM – Helena Syrkus war von 1948 bis 1954 sogar Vizepräsidentin – trotz aller Widerstände bis weit hinein in die 1950er-Jahre getragen.
In Polens Architekturlandkarte der 30er-Jahre nimmt Gdynia einen besonderen Platz ein: Eine großstädtische Hafenstadt – von den Grundmauern auf in kurzer Zeit errichtet – wurde die Visitenkarte eines Staats mit aufstrebender Wirtschaftsentwicklung. Innerhalb von nur 13 Jahren (1926–1939) entstand eine Stadt mit mehr als 100000 Einwohnern. Die Architektur von Gdynia ist einzigartig in ganz Europa: Sie ist ein Beispiel für einen geschlossenen Komplex erstklassiger Bauten der Moderne, bestehend aus Wohn- und Bürohäusern wie auch aus reinen Nutzbauten.

Polen als Projekt der Moderne
Polen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Übungsplatz der modernen Utopie. Die neue Gesellschaft sollte inmitten der neuen Architektur, in neuen beziehungsweise in radikal verbesserten Städten entstehen. Selbst dort, wo man sich zur Rekonstruktion historischer Stadtteile entschloss, war der lokale Kontext keine obligatorische Belastung mehr; es wurde im Geist der Moderne gearbeitet.
Geschichts- und Kontextlosigkeit manifestierten sich vor allem in der Expansion des Serienbaus. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg erwarteten polnische Architekten das nahende Zeitalter der Vorfertigung, die jetzt als wichtige Maßnahme zur Ökonomisierung beim Aufbau neuer Städte und Wohnsiedlungen diente. Die kommunistischen Machthaber, die den Plan einer groß angelegten Landesindustrialisierung entwarfen, förderten reproduzierbare Systemlösungen, die im Lauf der Zeit allerdings zur Degeneration der ursprünglich idealistischen Anliegen und zur sprichwörtlichen Eintönigkeit der Plattenbausiedlungen führen sollten.
Es gibt aber Orte, wo es gelungen ist, ein Stück eines modernen Paradieses zu schaffen, und wo bis heute das, was von ihm übrig blieb, bewundert werden kann. Das sind nicht nur charmant alternde Siedlungen oder geduldig die Modifizierung durchlebende städtebauliche Anlagen wie die neuen Zentren in Warschau (S´ciana Wschodnia von Zbigniew Karpin´ski, Jan Klewin, Andrzej Kaliszewski, Planung 1958, Ausführung 1958–1968) oder in Katowice (die Armii-Czerwonej-Straße, jetzt Wojciech-Korfanty-Allee). Als deren Krönung präsentiert sich die weltweit richtungsweisende Sporthalle „Spodek“ (Maciej Gintowt, Maciej Krasin´ski, Ingenieur: Andrzej Z˙órawski, 1964–1971).
Die zeitgenössische Situation nach 1989
Politische, wirtschaftliche und kulturelle Ereignisse in Polen nach dem Umbruch 1989 rüttelten das Land auf, und zugleich wurde es mit der Versuchung – oder eher mit einer ganzen Fülle von Versuchungen – des neuen Systems konfrontiert, in dem es sich zurechtzufinden galt. Die meisten Neubauten, die seit Anfang der 1990er-Jahre errichtet wurden, waren Einkaufszentren und Bürogebäude.
Hervorzuheben ist, dass seit der „Wende“ relativ viele interessante Gebäude mit öffentlichen Mitteln – zumeist nach landesweiten Wettbewerben – errichtet wurden. In jedem dieser Fälle haben wir es mit einer individuellen architektonischen Aussage zu tun, die das Stadtbild bereichert. Beispiele dafür sind die Bestattungshalle „Das Tor zur Stadt der Verstorbenen“ in Krakau, Atelier Loegler, 1998; Südfriedhof in Antoninów bei Warschau, Piotr Szaroszyk, 1999; Gebäude „K“ des Kreisgerichts in Krakau, Studio Architektoniczne, 2001; Gedenkstätte/ Denkmalanlage auf dem Areal des ehemaligen nazideutschen Vernichtungslagers in Bel´z˙ec, bildhauerisches Projekt: Andrzej Sol´yga˛, Zdzisl´aw Pidek, Marcin Roszczyk, Architektur: DDJM Biuro Architektoniczne, 2004; Wissenschaft- und Musikerziehungszentrum der Karol´-Szymanowski-Musikuniversität in Katowice, Konior Studio und Barysz Konior Architekci, 2007.
29. Oktober 2008 bis 9. Januar 2009

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