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Via Regia in Sachsen:
Impulse für den Glauben

Herrnhut

„Und nun zeige ich Ihnen unseren Kirchensaal“, sagt Pfarrerin Erdmute Frank und geht voraus. Im ersten Moment denke ich, sie verweilt kurz vorher noch in einem anderen Raum, bis ich merke: wir müssen nicht weitergehen, das ist die Kirche! Lange weiß glänzende Bänke stehen quer ausgerichtet gegenüber den vier hohen Fenstern, durch die Licht in den Saal strömt. Davor ein kleiner Tisch mit einem samtgrünen Tuch bedeckt und ein grün-weißer Stuhl. Vier Blumenvasen auf den Fensterbänken und einige filigrane Leuchter mit weißen Kerzen sind der einzige Schmuck dieses Gotteshauses, das so anders ist als alle Kirchen, die ich bisher gesehen habe. Es gibt keinen Altar, keine Kanzel, nur ein relativ unscheinbares weißes Kreuz. „Unseren Vätern und Müttern im Glauben war das Schlichte wichtig“, erläutert Erdmute Frank. „Das ist unsere gute Stube, in der sich die Gemeinde wie eine Familie um den Tisch versammelt. Hier kommen wir zusammen zur Predigt, aber auch zum Singen und Essen und um alle Belange unseres Lebens miteinander zu teilen.“

Wir sind in Herrnhut, wo sich 1722 protestantische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen und Mähren „unter der Hut des Herrn“ niederließen und noch heute die Evangelische Brüder-Unität ihren Glauben lebt. „Vor Gott sind alle Menschen gleich“, ist dabei einer ihrer Grundsätze, der auf dem Friedhof, den man hier Gottesacker nennt, sichtbar wird: Ein Grabstein liegt in der Blumenwiese neben dem anderen, keiner sticht hervor, alle sind sie gleichsam „Samen“ für das Paradies. Graf von Zinzendorf, auf dessen Grund und Boden die Brüder-Gemeine gegründet wurde und der sie entscheidend prägte, reiste viel und brachte seinen Glauben sowie seine Forderung der gegenseitigen Anerkennung der Konfessionen in alle Welt – zu den Indianern in Nordamerika, den Sklaven in der Karibik, den Leibeigenen in Estland und Lettland.

In mehr als 50 Sprachen von Afrikaans bis Zulu werden deshalb auch die Herrnhuter Losungen übersetzt, die für jeden Tag des Jahres Sprüche aus dem Alten und Neuen Testament vorgeben – als „biblische SMS für den Tag“, so Bischof Theodor Clemens. Während ihre Eltern als Missionare unterwegs waren, beschäftigten sich die Kinder im Herrnhuter Internat mit Basteleien, um das Heimweh zu lindern. Eine dieser Bastelarbeiten gelangte zu großer Berühmtheit: der Herrnhuter Stern, der am ersten Advent in gemeinsamer Runde zusammengesetzt wird und mit seinem Licht die Vorweihnachtszeit erhellt. 25 Zacken, siebzehn viereckige und acht dreieckige, hat das geometrische Kunstwerk, das aus Papier oder Kunststoff gefertigt wird. Viel Handarbeit ist dazu nötig – in der Schauwerkstatt der Herrnhuter Sterne GmbH kann man sich davon überzeugen und den fingerfertigen Angestellten bei den einzelnen Arbeitsschritten zusehen. Einer dieser Sterne strahlt im Advent im Kanzleramt – einer natürlich auch im Kirchensaal in Herrnhut.

Text: Manuela Geiger

Herrnhut

Führungen: Ort, Unitätsausstellung, Kirchensaal, Gottesacker, Gut Berthelsdorf

Tel. +49 (0) 35 873 48 73 7

+49 (0) 172 44 12 30 6

www.herrnhuter.de

Herrnhuter Sterne GmbH

Schauwerkstatt: Mo bis Fr

9 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 17 Uhr

Tel. +49 (0) 35 873 36 40

www.herrnhuter-sterne.de

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