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Via Regia in Sachsen:
Zittaus wiedergefundener Schatz

Zittauer Fastentücher

„Stellen Sie sich vor, diese Kostbarkeit wurde 20 Jahre vor der Entdeckung Amerikas gemalt. Dass sie uns heute noch erhalten ist, verdanken wir einer Kette von Glücksgliedern“, Pfarrer Ekkehard Roscher steht in der abgedunkelten Kirche zum Heiligen Kreuz vor dem, hinter einer Glasscheibe sanft beleuchteten Großen Zittauer Fastentuch. 8,20 Meter hoch und 6,80 Meter breit ist das textile Kunstwerk, das in 90 Bildern Szenen aus der Bibel erzählt – von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Im linken oberen Teil und in den unteren Feldern erkennt man deutlich in warmen Farben gemalte Figuren und Landschaften: Kain mit seinem, tot vor ihm liegenden Bruder Abel, Maria auf einem Esel reitend, mit dem Jesuskind im Arm, Christus beim Abendmahl. Vor nahezu 540 Jahren entstand dieses religiöse Bilderbuch, mit dem man im Mittelalter den Altar während der Fastenzeit verhüllte.

Zwei Jahrhunderte tat es seinen Dienst in Zittau, da die evangelisch-lutherische Gemeinde den katholischen Brauch auch nach der Reformation beibehielt. Eine fast nochmal so lange Zeit lag es unbenutzt hinter Bücherregalen der Ratsbibliothek bis es 1840 entdeckt und in einigen Ausstellungen gezeigt wurde. Kurz vor Kriegsende versteckte man den Schatz im Museum von Oybin, wo ihn 1945 russische Soldaten fanden, in vier Teile zerschnitten und damit die Wände ihrer provisorischen Sauna abdeckten. Nach dem Abzug der Soldaten kam die Regierung in einen „ideologischen Konflikt und breitete das Mäntelchen des Schweigens um die Tatsache, wie die Rote Armee mit einem wertvollen Kulturgut umgegangen war“. Wiederum verschwand das Tuch für Jahrzehnte von der Bildfläche. Nach der Wende wurde die Kostbarkeit ein letztes Mal aus dem Verborgenen geholt – mittlerweile als Puzzle in 17 Teilen vorhanden und teilweise durch chemische Reinigung weiter zerstört. In mühevoller Arbeit restaurierte die Schweizer Abegg-Stiftung unentgeltlich das „Kunstwerk von Weltgeltung“. Das nun in der ebenfalls sanierten Kirche zum Heiligen Kreuz in der größten Museumsvitrine der Welt seine neue Heimat gefunden hat. „Es wird hier in seiner ursprünglichen liturgischen Funktion gezeigt, alles, was zusammengehört, ist wieder vereint, so ist das Fastentuch auch ein Symbol für Deutschland“, freut sich Pfarrer Roscher.

Text: Manuela Geiger

Zittau

Großes Zittauer Fastentuch:

April bis Oktober:

täglich 10 bis 18 Uhr;

November bis März:

täglich außer Mo 10 bis 17 Uhr

Tel. +49 (0) 35 83 50 08 92 0

Kleines Zittauer Fastentuch:

April bis Oktober:

täglich 10 bis 17 Uhr;

November bis März:

täglich außer Mo 10 bis 17 Uhr

Tel. +49 (0) 35 83 55 47 90

www.zittauer-fastentuecher.de

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