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Schmuckkasten, um 1650Zierstücke eines Diadems, Mitte bis 2. Hälfte 16. JahrhundertKugelbecher mit Deckel, um 1700, Halle


„Idee Schatzkammer“. Kostbarkeiten und Raritäten aus der Moritzburg

17. April 2011 bis 18. März 2012
Das Kunstmuseum Moritzburg Halle zeigt eigene Sammlungsbestände parallel zu „Glanz der Macht. Kaiserliche Pretiosen aus der Wiener Kunstkammer.“

Die Moritzburg beherbergte im frühen 16. Jahrhundert mit dem „Halleschen Heiltum“ eine der prachtvollsten Schatzkammern der Frührenaissance. Die in der Burg residierenden Erzbischöfe Ernst von Wettin und Kardinal Albrecht von Brandenburg inszenierten tausende Reliquien in mehr als 350 kostbaren Reliquiaren. Diese Sammlung bot ein Bild überirdischen Glanzes und wurde in pompösen Zeremonien theatralisch präsentiert. Mit dem 1520 gedruckten Katalog, dem „Halleschen Heiltumbuch“, und mit dem Aschaffenburger Kodex, dem persönlichen Inventar Albrechts, kann die Ausstrahlung der in der Folge der Reformation untergegangenen Sammlung immer noch erahnt werden.

Diese verlorene Schatzkammer der Frührenaissance diente durchaus als Inspiration für das 1885 begründete hallesche Museum für Kunst und Kunstgewerbe, aus dem die heutige Stiftung Moritzburg hervorgegangen. Max Sauerlandt, von 1908 bis 1919 Direktor des Museums, sah es als „…eine der wichtigsten, zugleich aber auch am schwersten zu erfüllende Aufgabe…“ an, „…diese Blüteepoche der Deutschen Kunst angemessen zu repräsentieren.“ Denn „…niemals vorher oder nachher ist eine solche Fülle von Werken der großen Kunst, vor allem der Malerei und von kunstgewerblichen Schätzen aller Art, an Goldschmiedearbeiten, Stickereien, Geweben und Teppichwirkereien ... in Halle vereinigt gewesen.“

Das Museum in der Moritzburg entwickelte sich aber keineswegs aus einer bereits bestehenden Kunstkammer heraus, die ein vormuseales Sammlungskonzept umschreibt, das einen universalen Zusammenhang aller Dinge veranschaulichen sollte, sondern es wurde viele 100 Jahre später als kunsthandwerkliche Sammlung konzipiert mit Werken aus allen Kunstepochen, insbesondere vom Mittelalter bis in die Gegenwart.

Die Sammlung ist heute auf mehr als 6000 Objekte angewachsen und ist mit einem hochkarätigen Kernbestand im übertragenen Sinn tatsächlich eine Art „Schatzkammer“, wenngleich nicht im engeren Sinnes des Begriffs. Doch finden sich in der Sammlung Kleinodien und Pretiosen, die den Kontext der „Idee“ einer „Schatzkammer“ reizvoll erfüllen und nun in der Präsentation ihren Glanz entfalten können. Ihre Qualität liegt in repräsentativen kunsthandwerklichen Luxusgegenständen und in der Veranschaulichung der raffinierten und innovativen Gestaltung kostbarer und exotischer Materialien. Die qualitativ herausragenden Kunstwerke waren in der Regel nicht für den täglichen Gebrauch, sondern für besondere Anlässe bestimmt. Dekorativ aufgestellt oder im individuell schmückenden Gebrauch drückten sie Vermögen und Kunstsinn aus. Sie demonstrierten Repräsentationslust, Erfindungsgeist und den ästhetischen Anspruch ihrer Zeit im fürstlichen, bürgerlichen und religiösen Umfeld. Bis heute faszinieren sie durch ihre handwerkliche und künstlerische Virtuosität und Sinnlichkeit.

Eine Reihe von qualitativ bemerkenswerten Werken und Werkgruppen bestimmen das Profil des Bestandes an vormodernem Kunsthandwerk. Dazu zählen die venezianischen, niederländischen und deutschen Gläser, das rheinische und mitteldeutsche Steinzeug, die französischen, niederländischen und insbesondere mitteldeutschen Fayencen und Zinnarbeiten, das englische und deutsche Steingut sowie die Meißner und Thüringer Porzellane. Die Sammlung der Goldschmiedekunst und Schmuckgestaltung konzentriert sich auf die Leistungen einheimischer Meister. Verschiedene Kleinkunstwerke und Kunstkammerobjekte aus Elfenbein, Bergkristall, Serpentinstein, Holz oder Messing sowie eine Kollektion von Textilien runden die Sammlung ab.

Die Kleinodien aus dem 1901 in Halle entdeckten Schmuckfund, die Perlhaube und die beiden Gürtelketten aus dem späten 16. Jahrhunderts waren die ersten Stücke der Sammlung, die in dem 1904 in der Moritzburg neu eröffneten Kunstgewerbemuseum, dem Talamt, ausgestellt wurden.

In diesen Nachbau des Talamts wurden historische Zimmer des halleschen Salzgrafen aus dem 16. und 17. Jahrhundert eingearbeitet. Die feinen Täfelungen im Erker des so genannten Gerichtszimmers fertigte der hallesche Tischlermeister Augustin Stellwagen im Jahr 1594. Sie zeigen mit farbigen Holzintarsien Pflanzenranken und Architekturen und gelten als Hauptwerke der von den Niederlanden beeinflussten Schreinerkunst der Renaissance in Halle. Die Harmonie des mit übermütigem ornamentalen Reichtum und dekorativer Fülle ausgestatteten Festzimmers vollendet die reich gegliederte, im Jahr 1616 entstandene Kassettendecke, die von vier Gemälden mit Allegorien der Jahreszeiten nach Vorlagen von Hendrik Goltzius beherrscht wird.

Auch wenn die eigentliche Konzentration des Museums in der Moritzburg seit vielen Jahren der Moderne gilt, konnte die Sammlung älteren Kunsthandwerks in den letzten Jahren mit den Nachlassstiftungen von Gisela Lehmann und Johannes Stropp, mit Neuerwerbungen aus dem Kunsthandel, wie z. B. der Bildnisplatte des Goldschmieds Jobst Kammerer an Potential gewinnen. Die großzügige Förderung durch Dr. Hanna Leistner ermöglichte überdies wichtige Restaurierungen von bereits verloren geglaubten Arbeiten, wie einer großen Meißner Prunkvase und eines bedeutenden elfenbeinernen Wunderkugelturms aus dem späten 17. Jahrhundert.

Die Prunkvase aus der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen schuf der geniale Bildhauer Johann Joachim Kändler im Jahr 1745. Die 1926 erworbene Arbeit wurde in den späten 50er Jahren schwer beschädigt und galt seit dem für die Forschung als verloren. Sie ist das großartigste Werk aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Porzellansammlung der Moritzburg. Da lediglich ein zweites Exemplar überliefert ist, konnte durch die Restaurierung ein außerordentlich wertvolles Zeugnis der deutschen Barockkunst wieder auferstehen.

Auch gedrechselte Elfenbein-Kunststücke sind „genuine Werke der Kunstkammer“ an sich (Dirk Syndram). Sie dienten zur bewundernden Schaustellung. Der imposante, fast einen Meter hohe Wunderkugelturm der Moritzburg aus dem späten 17. Jahrhundert kann hier erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder komplett präsentiert werden. Es handelt sich um ein Werk mit einer signifikanten Ausstrahlung, das die fürstlichen Intentionen für die Schatzkunst erstrangig verdeutlicht.

Details zur Spielstätte:
Friedemann-Bach-Platz 5, D-06108 Halle (Saale)

Veranstaltungsvorschau: „Idee Schatzkammer“. Kostbarkeiten und Raritäten aus der Moritzburg - Stiftung Moritzburg - Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt

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